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Stammgast auf Abwegen

Jacob Karlzon im Kulturforum Stammgast auf Abwegen

Wie manche andere Künstler des Jazz-Labels Act zählt auch Jacob Karlzon seit Jahren zu den Stammgästen im Kulturforum. Hat der schwedische Pianist eine neue CD am Start, kann man sich auf deren zeitnahe Live-Präsentation an der Förde verlassen.

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Pianist Jacob Karlzon hat den elektronischen Anteil seiner Musik deutlich erhöht.

Quelle: Manuel Weber: mwe

Kiel. Im Gegenzug darf der 46-Jährige hier auf ein treues Publikum zählen. Dieser Ort sei für ihn immer ein besonderer Platz, versichert er der ansehnlichen Gästeschar am Mittwochabend – dies auch, weil seine Tourneen zuletzt stets in der Landeshauptstadt ihren Anfang nahmen. Nur in diesem Jahr sei Kiel erst an vierter Stelle dran. Aber da die drei vorhergegangenen Konzerte nach Karlzons eigener Einschätzung suboptimal verliefen, würde sich der offizielle Tourstart quasi trotzdem auf den heutigen Abend verschieben.

 Die Gründe, aus denen Jacob Karlzon die bisherigen Perfomances seines Trios so selbstkritisch beurteilt, lassen sich allerdings auch im Kulturforum erahnen. Hauptverantwortlich hierfür dürfte das Konzept seines neuen Albums Now sein, für das der Musiker nicht nur von Act zu Warner wechselte, sondern auch den elektronischen Anteil in seiner Musik erheblich erhöhte. Schon zuvor neigte er dazu, das Klangspektrum seines Flügels durch zusätzliches Equipment zu erweitern. Hört man zur Eröffnung des Konzerts allerdings nun mit Higher den rasanten Opener der CD, hat man das Gefühl, die Maschinen könnten mittlerweile die Kontrolle über sein Spiel übernommen haben. Zwischen den kontinuierlich aus der Steckdose beigesteuerten Synthie-Schwaden wirken die Musiker stellenweise so, als wären sie an diesem Abend ihre eigenen Statisten.

 Hatte man Jacob Karlzon bislang vor allem als Romantiker mit Hang zu originellen Brückenschlägen zwischen Jazz und Pop kennengelernt, erinnert er hier mitunter an einen Hotellobby-Pianisten im Hochgeschwindigkeitsrausch. Ähnlich funktional wirken auch Robert Mehmet Ikiz’ Rhythmus-Figuren. Dass beide Pole des Trios sehr dicht und vor allem beinahe unaufhörlich spielen, sorgt dafür, dass Andreas Langs Kontrabass an diesem Abend über das größte Profil verfügt. Insgesamt bleibt dabei kaum Freiraum zwischen den Noten, so dass es vor allem die Tempounterschiede zwischen den Songs sind, die den in einem Set durchgespielten Auftritt strukturieren. Im Midtempo-Bereich klingen sie nicht selten nach Lounge- und Spa-Jazz, wird es langsam, steigen die Schwermut- und Kitschfaktoren. Aus der Reihe fällt der Prog-Rock-Stampfer Monster, der auch das missglückteste Stück des Albums darstellt, von Karlzon aber an diesem Abend immerhin stimmig Donald Trump gewidmet wird.

 Zu alledem gesellen sich routinierte Ansagen, eine Mini-Licht-Show und immer wieder drolliger Bühnennebel. Als das Jacob Karlzon Trio zum Finale noch einen Kopfnicker im Marschrhythmus spielt, ohne dass sich im Publikum ein Kopf bewegen würde, könnte man meinen, auch an diesem Abend hätte es sein Ziel verfehlt. Der Applaus fällt dann allerdings doch erstaunlich herzlich aus. Im Zweifelsfall ist Treue eben kein Gefühl, sondern eine Entscheidung. Unter Nordmenschen allemal.

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