16 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Jacques Palminger: Nur geträumt

Kulturforum Jacques Palminger: Nur geträumt

Eigentlich stand Jacques Palmingers konzertante Lesung Goldberg für alle! im Kalender, bei der der Schauspieler im Kultur-Forum die hypnotische Kraft von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen offenbaren wollte. Aber ist man wirklich dort gewesen?

Voriger Artikel
Kunstsinnig aus Tradition
Nächster Artikel
Die vielen Gesichter des „Jetzt“

 Jaques Palminger war im Kulturforum in Kiel zu sehen.

Quelle: Dirk Bogdanski (Archiv)

Kiel. Es ist Freitag und man weiß nicht mehr genau, was am Donnerstag passiert ist. Eigentlich stand Jacques Palmingers konzertante Lesung Goldberg für alle! im Kalender, bei der der Schauspieler im Kultur-Forum die hypnotische Kraft von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen offenbaren wollte. Aber ist man wirklich dort gewesen? Oder ist man bei der Vorbereitung zuhause im Phono-Sessel eingenickt und hatte einen seltsamen Traum? Es war wohl eher so.

In dem Traum saß Palmingers Mitstreiter Lieven Brunckhorst auf der Bühne des mit einem ungewohnten Publikumsmix gefüllten Saals, spielte die Aria des Klavierzyklus auf der Gitarre und pfiff dazu ihre Melodie. Eine Frauenstimme vom Band sagte, dass man an diesem Abend lernen könne, seine „innere Katze zu streicheln“. Wenig später stand Palminger auf der Bühne. Grauer Schnurrbart, schwarze Kniestrümpfe. Es sagte dasselbe mit anderen Worten. Er sagte: „Ich versuche die ganze Zeit einen Nappaschuh in die Tür Ihrer Seele zu bekommen.“ Doch als er diese Worte sprach, war er eigentlich schon ein paar Schritte weiter. Und man fragte sich: Was will dieser Typ da mitten in meiner Seele? Synchron spielte Brunckhorst ausgewählte Goldberg-Variationen auf der Flöte, dem Klavier, auf dem Tenor- und dem Sopransaxofon – allesamt unterlegt von bizarren Synthieklängen irgendwo zwischen Jamaika und B-Movie, von der Wirkung her mit einer Überdosis Codein zu vergleichen. Aber die Hustensaftflasche hatte man in diesem Konzert ganz sicher nicht dabei. Es muss ganz sicher ein Traum gewesen sein.

Dafür spricht auch, dass Palminger irgendwann eine Ode an die Zahnfee verlas, in er das Gebiss des Menschen durchdeklinierte und zu jedem einzelnen Zahn das Adjektiv „kariös“ raunte. Dann zog er noch seine schwarzen Kniestrümpfe aus, unter denen er rote Kniestrümpfe trug. „Kardinalsstrümpfe“, wie er bemerkte. Spätestens hier hätte man aufwachen wollen, aber Palminger und Brunckhorst schickten ihre Zuhörer mit einer wirkungsvollen Hypnose-Performance in die Pause, nach der sie in kupferfarbenen Ganzkörperanzügen auf die Bühne zurückkehrten. Und dann war da noch der ebenfalls kuperfarbene Sitzsack, in den Palminger schließlich hineinkroch, um ihn mit seinem Kostüm zu verschmelzen. Ein kupferfarbener Sitzsack. Keine Frage: nur geträumt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3