13 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Lied auf Albigs neue Liebe

Jahresendzeit im Metro Ein Lied auf Albigs neue Liebe

„Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal ein Lied über das Privatleben von Herrn Albig singen würde“, konstatiert leicht konsterniert, aber auch ein wenig amüsiert Angela Merkel, im Jahresendzeit-Kabarettprogramm wie eh und je brillant verkörpert von Christoph Jungmann.

Voriger Artikel
Hamburger Museum zeigt Niemann-Cartoons
Nächster Artikel
Schauspielhaus-Dramaturg Jörg Bochow geht nach Dresden

„Wir schaffen das“: Durchsetzungswillen signalisiert die Geste von Angela Merkel (Christoph Jungmann). Dahinter Horst Evers im Hip-Hop-Outfit als einer der Tänzer, die die Gesangsdarbietung begleiten.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Vielstimmiges Lachen hallt durch den großen Saal des Kieler Metro Kinos, und in der Mitte der letzten Reihe lacht wohl auch jene Zuschauerin, die verantwortlich ist für dieses Kuriosum.

 Denn in der Pause eines wie gewohnt höchst amüsanten, oft klugen, facettenreichen Abends – dem ersten von drei ausverkauften in Folge im Metro mit dem Jahresendzeitteam – sollte das Publikum eine Schachtel mit Zetteln füttern. Darauf notiert Vorschläge zum Thema des Jahres 2015, drei davon zwecks Abstimmung ausgewählt. „Sie haben sehr wenige Vorschläge gemacht, das musste jetzt mal gesagt werden“, tadelt Jungmann merkelnd nach der Pause die Menge und pult einen zerknüllten Zettel auseinander, „diesen hier hatten wir schon weggeworfen.“ Der erste Vorschlag (2015 wurden in Schleswig-Holstein wieder mehr Kinder geboren) und der zweite (350 Jahre Christian-Albrechts-Universität) bekommen nur müden Beifall, tosenden aber der dritte: „Torsten Albig hat eine neue Liebe“.

 Wer gerade keinen Auftritt hatte, werkelt fortan hinter der Bühne an dem Lied, und das gegen Ende des Programms präsentierte Ergebnis sprüht vor Witz und erzählt davon, wie sich Albigs neue Lebensgefährtin Bärbel Boy einfach mal so im Kieler Landtag umgeguckt habe. Auch Bundespräsident Joachim Gauck (Hannes Heesch) als Ehrengast singt aus voller Brust den Refrain: „Ich glaub’, ich verknall’ mich / mal in den Torsten Albig. Wo die Gefühle überborden / das ist der echte Norden.“ Das Publikum lacht sich scheckig, spendet üppigen Applaus.

 Nur einer von vielen kabarettistischen Höhepunkten. So gibt Bov Bjerg einen wunderbaren Yanis Varoufakis, ehemals griechischer Finanzminister, der sein neues Buch Time For Change vorstellt – in einem Nonsens-Griechisch. Horst Evers mimt den nicht selten überforderten Übersetzer. Es lauschen Jungmanns Merkel („Ich habe das Buch schon gelesen“) und Heeschs angesäuerter Wolfgang Schäuble („Ich warte auf die Verfilmung“). Entlarvend komisch auch Heeschs munter switchendes Interview-Ping-Pong von Gerhard Delling und Günter Netzer zu dessen Rolle im DFB-Skandal. Bov Bjergs böse-gewitztes Pegida-Bashing – entwickelt aus der harmlosen Liedzeile „Bibi und Tina, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind“ – ist ebenso scharfzüngig wie -sinnig. Und Horst Evers sinniert in einer seiner wunderbar absurden Geschichten darüber, dass nur jemand, der noch nie in einer Beziehung gelebt habe, auf die Idee kommen könne, sich einen Alltag mit 72 Jungfrauen zu wünschen.

 Eine besondere Note verleihen wieder die geistreichen Lieder von Manfred Maurenbrecher dem Abend. Mit kratziger Stimme zum Klavier singt der 65-Jährige weise und doppelbödig etwa von einem desillusionierten Alt-68er, dessen Frau vom Einkaufen einen syrischen Flüchtling zum Mitwohnen mitbringt. Es ist ein Lehrer aus Homs, der im Gegensatz zum nicht ganz freiwilligen Gastgeber keiner verpassten Revolution nachtrauert, sondern die in Deutschland herrschenden, aus seiner Sicht durchaus friedlichen „alten“ Verhältnisse genießt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Thomas Bunjes
Kulturredaktion

Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3