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Jauch hört bei der ARD auf

Talksendung Jauch hört bei der ARD auf

Günther Jauch will nicht mehr: 
Ende 2015 läuft sein Sonntagstalk
in der ARD aus. Über die Gründe schweigt er. Aber es gibt Indizien.

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Die ARD-Talksendung „Günther Jauch“ läuft nach vier Jahren zum Jahresende aus.

Quelle: Rainer Jensen/dpa

Berlin. Am Ende war es wohl ein griechischer Mittelfinger, der Günther Jauch die letzten Nerven kostete. Und der in ihm den Wunsch weckte, die Brocken hinzuwerfen. Nun reicht’s. Das war’s. Ende des Jahres soll Schluss sein mit seinem ARD-Sonntagstalk, nach dann vier Jahren. Der Vertrag läuft aus, und Jauch will ihn nicht verlängern. „Über das Angebot der ARD habe ich mich sehr gefreut“, zitierte ihn am Freitagabend der federführende Norddeutsche Rundfunk (NDR). Aber: „Sowohl aus beruflichen als auch aus privaten Gründen habe ich es nicht angenommen.“
Unscharf, wackelig und nur 18 Sekunden kurz war der Videoausschnitt in Jauchs Sendung vom 15. März, in dem der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis den Deutschen vermeintlich den Mittelfinger zeigte. Er wurde zum meistdiskutierten Talkshow-Moment der jüngeren deutschen Fernsehgeschichte. Und zu einem journalistischen Super-GAU für den Gastgeber. Ein böser Patzer auf dem politisch-emotionalen Höhepunkt der deutsch-griechischen Beziehungskrise. „Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister“, sagte Jauch – „Die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür am stärksten kritisiert. Wie passt das zusammen?“
Ein massiver, wochenlanger Shitstorm rollte über Jauch hinweg. Nicht der erste. Aber einer, dessen Substanz nicht ganz von der Hand zu weisen war: Denn der Ausschnitt war aus dem Zusammenhang gerissen, erweckte den Eindruck, Varoufakis sei zu diesem Zeitpunkt schon Finanzminister gewesen. In Wahrheit hatte er als Wirtschaftswissenschaftler 2013 über Griechenlands Zustand von vor fünf Jahren und die damaligen möglichen Reaktionen auf Milliardenkredite referiert. Die heftige Debatte gipfelte in einem geschickt geplanten Medien-Stunt von Entertainer Jan Böhmermann. Der tat so, als ob das Varoufakis-Video eine Fälschung seiner Redaktion sei. Die „Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“ schrieb von „übelstem Kampagnenjournalismus“ und forderte – nicht als einziges Blatt – Jauchs Entlassung.
Überzogen? Vielleicht. Aber Jauch stand seit der Premiere der Sendung am 11. November 2011 immer wieder in der Kritik. Nur Wochen nach dem Start zitierte er aus einem Artikel der „Berliner Zeitung“, der andeutete, dass „Bild“ einen Bericht über das angebliche Vorleben der damaligen Bundespräsidentengattin Bettina Wulff plane. Es kam zu einer Unterlassungsklage. Es schien, als habe Jauch nicht erwartet, dass mit dem prominenten Sendeplatz am Sonntagabend nach dem „Tatort“ derart hohe Ansprüche an das meinungsbildende „Nebenparlament“ im 80 Meter hohen Gasometer in Berlin-Schönefeld einhergehen. Gelegentlich wirkte es, als seien ihm diese Ansprüche lästig. Als genüge ihm persönlich ein sanfter Wohlfühltalk zum Wochenausklang, während Teile der Zuschauer sich mehr Tiefenschärfe wünschten. Jauch klammerte sich oft an seine Kärtchen, floh in simulierte Expertise, folgte stur seinem präparierten Raster, statt sanft den natürlichen Lauf der Dinge zu lenken. Statt eines organischen Gesprächs gab’s so nur eine sterile Abfrage von Merksätzen, ein Staccato von Statements ohne Bezug zueinander.
„Pointiert, hintergründig, emotional und auch mal unterhaltsam aufbereitet“ sei Jauchs Talk gewesen, sagte dagegen am Freitag wenig überraschend NDR-Intendant Lutz Marmor – „passend für den Sonntagabend“. Tatsächlich stimmten die Zahlen: Im Schnitt aller bisherigen Sendungen erreichte „Günther Jauch“ 4,62 Millionen Zuschauer, das ist ein Marktanteil von 16,2 Prozent. „Jauch erreicht mehr Zuschauer als bislang alle vergleichbaren politisch-aktuellen Talkformate“, meldete stolz ARD-Programmdirektor Volker Herres. Die erfolgreichste Sendung bisher war die Ausgabe vom 1. September 2013 nach dem Kanzlerduell (8,25 Millionen), gefolgt von „Der Fall des Uli Hoeneß“ vom 21. April 2013 mit 6,70 Millionen Zuschauern.
Sie hatten sich ja nicht umsonst heftigst bemüht um den Mann, dessen Verpflichtung 2007 schon einmal gescheitert war. Damals schimpfte Jauch auf „Gremien voller Gremlins“ bei der ARD. „Ich hatte am Ende das Gefühl, dass man mich an möglichst kurzer Leine um die Anstalt rennen lassen wollte“, sagte er. „Jeder drittklassige Bedenkenträger schlug ein anderes Pflöckchen in den Boden.“ Die ARD blieb hartnäckig – und überzeugte ihn dann doch. Nicht zuletzt mit 10,5 Millionen Euro, die das Erste jährlich an Jauchs Potsdamer Produktionsfirma i&u TV überweist – für Produktion und Honorar. Die Sendung blieb immer ein Politikum. Sie sorgte – weil Anne Will auf den Mittwochabend rückte – für die heftig diskutierte Talkschwemme im Ersten.
Erst Harald Schmidt. Dann Thomas Gottschalk. Nun Günther Jauch. Seinen RTL-Quizjob wird er zwar behalten. Aber auch Potsdamer, journalistisches Ziehkind der Öffentlich-Rechtlichen, reiht sich ein in die Fraktion der großen TV-Veteranen, die sich künftig rarer machen. Und nun? Auch 2016 solle es nach dem „Tatort“ eine Talkshow geben, versicherte die ARD am Freitag. Man wolle den „Premium-Anspruch in diesem Genre aufrechterhalten“. Wer genau diesen Job tun soll, steht noch nicht fest. Spekulationen laufen. Ausgeschlossen ist gar nichts. Weder eine Rückkehr von Reinhold Beckmann, noch eine Verpflichtung von ZDF-Talker Markus Lanz.

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