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Ganz gegenwärtige Geschichte(n) des Tangos

Jaurena Ruf Project Ganz gegenwärtige Geschichte(n) des Tangos

Als Jaurena Ruf Project erzählt das Duo die Geschichte(n) des Tango neu, um einiges jazziger als Piazzollas Tango Nuevo eh schon war, aber auch aus einer ganz persönlichen Sicht darauf.

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Erzählen die Geschichte(n) des Tangos neu: Raul Jaurena (links) und Bernd Ruf.

Quelle: GP Arts

Kiel. Zwei Bandoneonisten verschlug es Mitte der 60er Jahre in eine gemeinsame Wohnung in Santiago de Chile: den Erfinder des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, und den aus Montevideo stammenden Raul Jaurena. Eine fruchtbare Begegnung – wie Jahrzehnte später die Jaurenas mit dem Lübecker Klarinettisten Bernd Ruf.

Anfang September erschien beim Lübecker Label gpArts nach Para vos y para mi und Angel Bailarin der dritte Teil ihrer Trilogie Tango Tales, mit dem sie jetzt auf Tour sind. Im Mittelpunkt des Programms aus Kompositionen der beiden Tango-Großmeister Piazzolla und Jaurena steht beziehungsreich Piazzollas viersätzige Suite Historia del Tango. Sie spannt den bandoneonesken Bogen vom Bordel um 1900 über die Tango-Cafés der 30er und die Nachtclubs der Sixties bis zum Concert d’aujourd’hui, also über gut ein Jahrhundert des Tanzes – genauer: eines Lebensgefühls.

 Dass der Tango einem deutlichen Wandel unterzogen war, sich aus den trüben Armenvierteln über die Tanztees europäischer Salons bis hin zur Kunstmusik entwickelte, diese wechselvolle Geschichte zeichnet Piazzollas Suite nicht ohne Wehmut nach. Ursprünglich komponiert für Flöte und Gitarre, gibt ihr das Arrangement des Jaurena Ruf Projects für Bandoneon und Klarinette noch intimere Klangfarben. Zwei gegenwärtige Musiker, welche die Tango Tales nicht einfach nur nach-, sondern neu erzählen, Altmeister Astor freilich immer „in mind“, in den Knöpfen, auf den Klappen und nicht zuletzt im beseelten Atem.

 Wo der Tango, selbst Piazzollas Nuevo-Variante, also zur Musikgeschichte zu gerinnen droht, zeigen Jaurena und Ruf seine ungebrochene Lebendig- und immer noch Widerständigkeit in der aus dem Jazz entlehnten Kunst der Improvisation. Jaurenas Kompositionen wie etwa die Milonga para la Union (die man als Loblied auf seine Verbindung mit Piazzolla und ebenso mit Duo-Partner Bernd Ruf lesen darf) schreiben fort, was Piazzolla begann, um den Tango vor seiner Verstaubung zu retten. So gerät der dritte und letzte Teil der Tango Tales-Trilogie gleichermaßen zum Fazit wie auch Ausblick auf eine (wohl unendliche) Geschichte, die vor gut 100 Jahren nicht auf Konzertbühnen, sondern in den Slums argentinischer Großstädte ihren Ausgang nahm. Wie revolutionär der Tango somit nach wie vor ist, beweist solche Wieder- und Forterzählung seiner Geschichte(n).

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