17 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Tönende Verse und entfesselter Flow

Jazz Baltica in Niendorf Tönende Verse und entfesselter Flow

Sonnabendmittag herrscht in Niendorf traditionell eine besondere Atmosphäre. Auf dem Gelände der Evers-Werft trifft man diejenigen, die bereits den Festivalfreitag hier verbracht haben und von dem Tanzfaktor der Nils Landgren Funk Unit schwärmen. Und diejenigen, für die die Jazz Baltica gerade erst angefangen hat.

Voriger Artikel
Verregneter Auftakt bei den Eutiner Festspielen
Nächster Artikel
Kulturpreis für einen „Menschenverbinder“

Die Nils Landgren Funk Unit spielte auf dem Jazz Baltica Festival 2016 in Niendorf an der Ostsee.

Quelle: Olaf Malzahn

Niendorf. Nils Landgren begrüßt das Publikum in der Halle um 13 Uhr mit einem vieldeutigen „Guten Morgen!“, für den musikalischen Weckruf sorgen dann der Gitarrist Ulf Wakenius und der Pianist Iiro Rantala. Wer in Anbetracht der Besetzung kontemplativen Kammerjazz erwartet hat, wird umgehend eines Besseren belehrt. Dieses Duo braucht keine Rhythmusgruppe, um auf Touren zu kommen. Rantala spielt den Flügel mit einem Drive, als wäre er ein Veteran der Stride-Piano-Ära und präsentiert parallel tausend halbverrückte Ideen, die Wakenius mit pointierten Gniedelläufen pariert. So gestaltet sich die erste Stunde des Sonnabends angenehm überraschungsreich. Von der anmutigen Ballade für Esbjörn Svensson über Rantalas doppelbödiges Arrangement von John Coltranes „Giant Steps“ bis hin zu Wakenius’ im Alleingang gespielter Hommage an Oscar Peterson hat hier alles Hand und Fuß, macht Sinn und Spaß.

Mir dem Quartett Cyminology um die iranischstämmige Sängerin Cymin Samawatie gestaltet danach eine Gruppe die zweite Hälfte des Nachmittags, die die insbesondere im europäischen Jazz immer mal wieder ausprobierte Fusion von Musik und Lyrik auf eigenständige Weis präsentiert. Ausgehend insbesondere von der Poesie der persischen Dichterin Forough Farrokhzad und Samawaties feinfühligem Rezitationsgesang, verwandelt ihre Band den Gehalt der Verse sensibel in Musik oder lässt ihn als Echo in lyrischen Improvisationen einfließen. Die aufschlussreichen Moderationen der Sängerin bereichern das Konzert ebenso wie der Gastauftritt des Berliner Philharmonikers Martin Stegner, der auf der Viola zusätzliche Klangfarben beisteuert. Ein gelungener erster Konzertblock also, in dem Nils Landgren gleich zwei Mal als Zugabengast zu erleben ist.

Auch wenn sich Publikumszuspruch und -flucht dabei die Waage halten, bildet der Free Jazz von Amok Amor den spannendsten Programmpunkt des Sonnabends.

Auch beim Auftritt der Pianistin Anke Helfrich kommt der Posaunist für ein Stück auf die Bühne und klinkt sich mühelos in den in Richtung Freebop tendierenden Jazz ihres Quartetts ein, in der der Trompeter Tim Hagans für schöne Strahlkraft sorgt. Helfrich selbst liefert dazu konzentrierte Improvisationen mit Biss, während sie sich am Mikrofon als eher ungesteuerte Quasselstrippe mit Hang zur weltumarmender Herzlichkeit erweist. Und während draußen Regenmassen niedergehen und der Donner grollt, tönt aus Helfrichs Notebook Martin Luther Kings „I have a dream“-Rede wie eine Verbeugung vor dem nach Freiheit strebenden Jazz der Sechzigerjahre.

Auch das Konzert von Amok Amor knüpft an diese Traditionen an. Mit dem deutschen Meisterschlagzeuger Christian Lillinger als Pulsgeber balanciert das pianolose Quartett musikalisch Struktur und Zufall aus. Das weitgehend atonale Ergebnis verfügt über einen faszinierenden Flow, der sich im Laufe des Auftritts stetig steigert. Wenn sich Publikumszuspruch und -flucht dabei auch die Waage halten, wird man am Ende des Tages resümieren können, hier den spannendsten Programmpunkt des Sonnabends erlebt zu haben.

Mit einer Anfangszeit von 21.30 Uhr hat man das Abendprogramm arg weit in den Abend gelegt. Für den kubanischen Pianisten Omar Sosa bedeutet das noch Prime Time. Seine Begegnung mit der NDR Bigband, deren Solisten erst nach und nach auftauen, erweist sich als herzliche Feier des afro-kubanischen Jazz, der hier einerseits ganz authentisch und warm aus Sosas Instrument tönt, andererseits von Bigband-Chef Jörg Achim Keller delikat für das Großformat arrangiert wurde. Es ist bereits halb zwölf, als danach Jaga Jazzist auf die Bühne kommen. Ihre mit großer Wattzahl aufgepowerten Grenzgänge zwischen Jazz und Electronica, die die norwegische Formation hier in einem LED-Lichterwald präsentiert, sorgen für die höchste Abwanderungungsquote des Abends. Im großen LED-Lichtgewitter kann man die Musiker oft nur schemenhaft ausmachen. Ähnlich verhält es sich mit dem Klang ihrer Instrumente, die zusammen eine einzige große Soundwand bilden. Gewiss ist man nach diesem opulentem Finale, das vielleicht besser als Dance Night funktioniert, nicht dümmer – klüger allerdings auch nicht.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3