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Die schrägen Ordnungen des Chaos

Jazz-Trio Massive Schräge Die schrägen Ordnungen des Chaos

Der Name ist Programm: Massive Schräge. In der Reihe „Fantastische Musik“ im KulturForum bewiesen Florian Fleischer (Gitarre), Johannes von Ballestrem (Piano, Fender Rhodes) und Dominik Mahnig (Drums), dass ihre schrägen, aus Fragmenten collagierten Sounds sich zu fein ausbalancierten Ordnungen zwischen den Extremen und Stilen fügen.

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Das Jazz-Trio Massive Schräge begeisterte in der Reihe „Fantastische Musik“ im KulturForum

Quelle: Björn Schaller

In Schubladen passt die Sperrigkeit von Massive Schräge allerdings nicht. Als Etiketten fallen einem zwar Jazz, wie man ihn von dem Experimenten aufgeschlossenen Label ECM her kennt, schlicht „Freestyle“ oder sogar Neue Musik ein. Doch schon der Opener „Stolz und Adel“ vom 2014 erchienenen CD-Debüt „Vegas, Baby!“ macht die aufgezogenen Schubladen gleich wieder zu, beziehungsweise öffnet gleich mehrere. Ein simples Dreiklangsmotiv vom Piano eröffnet „Stolz und Adel“, umspielt von Gitarre und weniger rhythmisch als klangfarbig eingesetzten Drums. Unverbunden wie drei parallel gespielte Soli stehen solche Fragmente nebeneinander, und man fragt sich zunächst, wie daraus ein Stück – zumal mit so assoziationsreichem Titel – werden soll. Doch sie fügen sich wenig später zu einem derart hardrockigen Sturm, dass einem die Ohren wegfliegen.
 
Nicht weniger chaotisch mutet „Parfüm radikal“ an. Aber was heißt schon Chaos? Es zeigt hier vielmehr seine ihm innewohnenden Ordnungen – nicht-lineare wohlgemerkt. Warum jedoch braucht’s eigentlich immer diese – hinkenden – Vergleiche, etwa wenn man sich in „Lustiges Etwas“ ein paar Takte lang an guten alten Swing erinnert fühlt, bevor der nach allen Regeln der Schrägheit zerschreddert wird, oder in „Entscheidungsfreude“ die Wahl zwischen Ragtime und Rock’n’Roll schwer fällt?
 
Es mögen die Hörgewohnheiten sein, nach deren Ankerpunkten man auch im locker-flockig poppigen „Miss Tippelschritt“ Ausschau hält. Programm der Massiven Schräge ist jedoch, mit solchen zu brechen, sie nicht ohne Ironie zu verwirren, die Ohren neu zu öffnen für die Kontraste der Klang- und Rhythmus-Fragmente. Der Hörer soll die Übersicht verlieren, um seine Sicht zu hinterfragen.
 
Ein derartiges Vexierspiel sind sogar die homogener wirkenden Stücke wie das zwischen Blues und Rockabilly munter umherspringende „Die Daltons“ (benannt nach den Anti-Helden aus den „Lucky Luke“-Comics), der die Bizeps des Groove ballende „Bahnarbeiterblues“ oder das Beach-Boys-Cover „God Only Knows“. Zunehmend begeisterter Beifall und die Forderung nach zwei Zugaben zeigen an, wie sehr sich das Publikum freut, so kreativ chaotisch in geordnete Schräglage gebracht zu werden.

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