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Elektrik und Emphase

Jazzica und Postyr im Metro-Kino Elektrik und Emphase

„Mmmh, schön!“, schwärmt ein Zuhörer selbstvergessen nach der Zugabe, die das dänische Vocal-Pop-Quintett Postyr gänzlich „unplugged“ singt und damit das fast voll besetzte Metro-Kino in einen intimen Klangtempel verwandelt. Vorher hatte Bass und bekennender Elektro-Freak Kristoffer Fynbo Thorning fleißig die Sampler- und Loop-Strippen gezogen und so den Sound der Dänen ins elektronisch Sphärische entrückt.

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Dichter Chorklang, unaufdringliche Choreografie: Jazzica.

Quelle: bos: Björn Schaller

KIEL. Eingeladen wurde das Quintett aus Aarhus vom Kieler Frauen-Chor Jazzica, der den ersten Teil des Doppelkonzerts mit Bobby McFerrins Say Ladeo eröffnet. In diesem „Zirkelgesang“ werden wie bei Postyr vielstimmige „Loops“ verwendet, freilich ohne Elektronik. Dafür mit viel Emphase. Chorleiter Till Kindschus kitzelt die mit seinem Dirigat buchstäblich aus den Stimmgruppen – schließlich auch aus dem Publikum, das in den „Kanon“ einstimmt. Schon hier wird die Magie der A cappella spürbar, die sich – mit oder ohne Elektronik – aus der Unmittelbarkeit und Nähe der Stimmen und Stimmungen speist. Mehr noch als im Pop in der klassischen Form wie im zauberhaft liebesschwörenden Dat du min leevsten bist. Den sanften Volksliedton umweben Jazzica dabei dennoch mit harmonisch komplexen Stimmfäden und wecken so in dem einfachen Strophenlied sein sinfonisches Potenzial.

 Bei Rammsteins Engel im fugierten Arrangement von Oliver Gies (Maybebop), einem Klassiker in Jazzicas Repertoire, hatte sich solche Stimmverwebungskunst schon früher – wie jetzt wieder – bewährt. Jedoch hat der Chor in seinem neuesten Programm Song For A Friend noch einen deutlichen Schritt nach vorne getan: Musikalisch, indem besonders an den leisen Stellen der Chorklang besonders dicht wird, was andere Chöre höchstens im Forte erreichen. Und in den unaufdringlichen Choreografien, die auf die üblichen großen Gesten weitgehend verzichten, indem die Stimmgruppen sich immer neu mischen und so gleichsam zu Figuren der in den Songs erzählten Geschichten werden. In Adeles Skyfall wirkt diese Emphase in Klang und Spiel fast schon als etwas zu viel solches Guten. Aber schließlich sind wir hier ja in einem Kino, da darf ein bisschen Breitwand schon sein.

 Und natürlich Technicolor wie bei Postyrs Paper Tiger, der alles andere ist, als der Titel vermuten lässt. Die elektrischen Effekte sind nicht bloß aufgesetzt klang-schillernde Papiertiger, sondern unterstützen die Stimmen durch ihre loopende Multiplikation. „Es ist immer ein bisschen gruselig unter all den Maschinen“, gesteht „Kabelleger“ Kristoffer. Aber Techno-Geklingel war gestern, Postyr orientieren sich eher an den sphärischen Klängen des Trip-Hop wie im sehnsüchtigen Home, das mit den elektronischen Emphasen zur eindrucksvollen Hymne gerät.

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