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Schreiben ist ein Gefühl

Jeanne Benameur Schreiben ist ein Gefühl

Eigentlich will sie noch gar nichts erzählen, lieber noch ankommen, den Ort wirken lassen vor der Lesung im gut gefüllten Literaturhaus. Aber dann lässt sich Jeanne Benameur, in diesem Jahr Kieler-Woche-Gast der Deutsch-Französischen Gesellschaft und des Centre Culturel Francais, doch auf ein kleines Gespräch ein.

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In allen literarischen Genres zu Hause: die Schriftstellerin Jeanne Benameur.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. „Fiktion“, sagt die Frau mit dem konzentrierten Blick, „ist ein spannendes Phänomen. Sie überrumpelt einen, greift ein, ohne dass man es zunächst merkt.“ Das gilt für das Schreiben wie für das Lesen bei der Autorin, die 1952 im Maghreb in Algerien zur Welt kam und in La Rochelle aufwuchs, wo sie bis heute lebt. Und ein bisschen war es auch so, als sie ihren 2015 erschienenen Roman Otages intimes (Intime Geiseln) geschrieben hat, den sie nach Grußworten von Stadtpräsident Hans-Werner Tovar und Ratsfrau Christina Musculus-Stahnke ihrem hörbar frankophilen Publikum vorstellt. Die Geschichte eines Kriegsfotografen, Etienne, der in Geiselhaft gerät, freikommt, sein Leben versucht zurückzugewinnen und sich dabei in Erinnerungen und inneren Bildern verfängt.

„Etienne ist ein Bild“, so Jeanne Benameur, „für das, was wir in uns tragen. Herkunft, Familie.“ Eine Art innerer Geiseln, zu denen das Motiv des Fotografen passt: „Fotografie fasziniert mich. Fotos sind das, was uns heute vom Krieg erreicht. Bilder, die sich festsetzen. Außerdem braucht Etienne diesen Filter, der ihm die Welt auf Distanz hält.“

Sog dieses psychologischen Romans

In knappen Sätzen und einer kühl sachlichen Sprache bildet sie die inneren Bewegungen ihres Protagonisten ab, der sich stets von außen zu betrachten scheint und nach Worten greift wie nach einem Anker. Auch anhand der vorgelesenen Passagen, die Romanistik-Studentin Susan Vierke mit Margarethe Mehdorn, Vorsitzende der DFG, eigens ins Deutsche übertragen hat, lässt sich der Sog dieses psychologischen Romans erahnen.

„Erst beim Schreiben habe ich gemerkt, dass die Geschichte auch etwas mit mir zu tun hat“, sagt Jeanne Benameur und erzählt von einer Nacht Mitte der Fünfziger im algerischen Unabhängigkeitskrieg, als die Eltern sie und ihre drei Geschwister versteckt hielten. Während draußen vor dem Gefängnis, das ihr Vater damals leitete, die Befreiungsarmee rebellierte. Eine Welt, die bald darauf in Frankreich keine Rolle mehr spielte. „Wir haben nur Französisch gesprochen“, sagt sie, „es war die erste Einwanderergeneration und mein Vater wollte unbedingt integriert sein. Das Arabische existiert also eher in meinem Hinterkopf.“

Lange hat die vielfach Preisgekrönte als Lehrerin gearbeitet, bevor sie Ende der Neunziger zunächst als Jugendbuchautorin bekannt wurde. Zwei Bücher davon liegen auch auf Deutsch vor. Geschichten vom Erwachsenwerden (Hinter dem Hafen das Meer), aber auch von Tod und Alleinsein (Großer Adler schläft nur). „Ich glaube, man kann Jugendlichen alles erzählen“, sagt Jeanne Benameur, „einen Unterschied mache ich höchstens in der Form, schreibe einfachere Sätze und erkläre mehr.“

Gegen ihre Themen kann sie sowieso nichts machen, so scheint es. Die ereilen sie eher: „Das ist etwas, was ich spüre, ein nachhaltiges, dauerhaftes Gefühl, das mich zum Schreiben bringt. Und von da aus setzt das Reflektieren ein.“

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