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Allgemeine Verunsicherung

Uraufführung am Schauspiel-Studio Allgemeine Verunsicherung

Wie Zombies im Pausenmodus wirken die Simulationspatienten, die Jens Raschke in seinem neuen Stück Hamsterblut in ein fiktives Terror-Szenario schickt. Schräger Stoff, den Regisseurin Kristin Trosits in ihrer mit viel Applaus bedachten Uraufführungsinszenierung im Schauspiel-Studio zwischen Komik, Splatter und Schockstarre in den Griff bekommt.

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Fasziniert von Bewegung

Marko Gebbert als Attentäter-Darsteller La’ahad (Mitte) beäugt von Melanie (Yvonne Ruprecht) und Marie (Jennifer Böhm).

Quelle: Foto: Struck

Kiel. Im filmreifen Endzeit-Irgendwo, das Bühnenbildnerin Nina Sievers mit gräulichem Mauerrest, tristen Grasbüscheln und Absperrgitter zwischen Industriebrache, Tatort und Sperrgebiet ansiedelt, kommt eine illustre Truppe zusammen. Marie, die Kaltblütige, die im Rucksack immer noch ein paar Zusatzportionen „Hamsterblut“ dabei hat und das Ganze hauptsächlich professionell sieht. Fabian, der Neue, der Schauspieler werden will mit Büchners aufgeheiztem Woyzeck. Und dann sind da noch Konrad mit dem abgerissenen Bein, Agnetha und Melanie. Das geht gut los, wie sich die Fünf zwischen sich selbst und ihren Rollen verlaufen, wie Spiel und Wahrheit, geborgte und eigene Identitäten im Gespräch untrennbar gefühlsecht verfließen. Melanie trägt ja nicht nur unterm Pulli eine Bauch-Attrappe herum; sie ist auch die Mutti der Truppe.

 Und plötzlich ahnt man wie fragwürdig das angeblich Normale wirken muss, wenn der Ausnahmezustand Alltag ist und das Fiktive die Realität. Raschke schlägt Funken aus dem Makabren und Absurden der Konstruktion: Kristin Trosits nimmt das gnadenlos realistisch, knipst die knappen, verdichteten Szenen an und aus wie im Diorama und lässt sie lässig zwischen Tatortreiniger und Endspiel taumeln. Raschke und Trosits reißen vieles an und lassen die Situation so einfach wie brutal aus dem Ruder laufen. Da kippt die lullige Lagerfeuerstimmung, macht sich ungemütlich Paranoia breit. Opfer oder Opferdarsteller – das ist hier die Frage. Das lässt sich weiterdenken.

www.theater-kiel.de

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