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Permanent unter Dampf

Joe Bonamassa in Kiel Permanent unter Dampf

Vorsicht an der Bahnsteigkante, die Türen schließen selbsttätig und – Punkt 20 Uhr – Abfahrt! Kurz das Piano-Intro zu Jethro Tulls Locomotive Breath zitiert, rauschen Joe Bonamassa und seine formidable Band aus dem Stand hochtourig mit dem chromblitzenden Blues-Rock-Boliden This Train in ihr Set, dass es raucht.

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Unternahm immer wieder pfeilschnelle, ultra-präzise, leidenschaftliche Solo-Expeditionen: Joe Bonamassa.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Was folgt, sind zwei Stunden und 15 Minuten fast nur Vollgas. Den rund 2500 Gästen in der Kieler Sparkassen-Arena steht ein umjubeltes, fulminantes, lautes, aber nie zu lautes Konzert bevor.

 Wer seine Tour „The Guitar Event of the Year“ nennt, scheint über ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein zu verfügen. Das strahlt Joe Bonamassa auch aus, allerdings stilvoll und bar jeder Arroganz. Und dann hat der Mann noch nicht einmal übertrieben. Im piekfeinen Zwirn und meist mit Sonnenbrille auf der Nase, schuftet sich der Sänger und Gitarrist muskulös und unfassbar virtuos durch ein Set, das den Blues an allen Seiten strahlen lässt. Der Schwerpunkt liegt auf Blues-Rock, der hier sehr gern funky und soulful grooven darf. Balladen sind die Ausnahme, die wenigen sind von sehr edler Gestalt.

 Das Zusammenspiel mit der Band ist tight, technisch auf allerhöchstem Niveau und gottlob dennoch nicht zu clean oder gar steril, sondern immer mit der Rotzigkeit und Raubeinigkeit dargeboten, die unabdingbar zum Blues gehört, ohne den er seine Bodenhaftung, seine Erdigkeit, seine Wurzeln einbüßt. Live mit das größte Verdienst, das sich Bonamassa und seine Band erwerben, weil dies unter den modernen Vertretern des Genres leider schon seltener anzutreffen ist. Seine Band präsentiert Bonamassa stolz als „fünf der größten Musiker der Welt“. Fakt ist: Er hat mit Reese Wynans (Piano, Hammond-Orgel), Michael Rhodes (Bass), Anton Fig (Schlagzeug) und der kleinen Horn-Section Lee Thorburg (Trompete) und Paulie Cerra (Saxofon), die beide voluminös wie vier Bläser klingen, höchst illustre und fähige Musiker um sich geschart.

 Die folgen Bonamassa bei seiner Kiel-Premiere überall hin. Zum druckvollen, knackigen Blues-Funk-Rock von Mountain Climbing, Never Make Your Move Too Soon oder Love Ain’t A Love Song. Zum psychedelisch-orientalisch flirrenden Blues Of Desparation, bei dem die Gitarre eingangs klingt wie ein Didgeridoo. Zum getragenen, edlen Sloe Gin mit diesem exquisiten Piano-Thema. Erlesene Cover-Songs finden sich einige im Set, darunter Nobody Loves Me But My Mother (B.B. King), Going Down (Moloch) oder Angel Of Mercy (Albert King).

 Bonamassa singt all das mit einer forschen, kräftigen, markanten Stimme, die irgendwo zwischen weiß und schwarz liegt, ohne je penetrant schwarz klingen zu wollen. Die akustischen Expeditionen des 38-Jährigen, zuverlässig begleitet von seiner Band, klingen immer zielgerichtet und durchstrukturiert, auf den Punkt. Die Soli (fast für jeden Song lässt er sich ein neues Instrument reichen) sind pfeilschnell, ultra-präzise, meisterhaft. Was aber mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist: Sie sind einfühlsam und leidenschaftlich.

 Gegen Ende fordert Joe Bonamassa anscheinend noch einmal gestikulierend lauten Sonderapplaus für seine erstklassige Band. Das Publikum versteht die Handbewegung offenbar anders, erhebt sich, Hunderte strömen Richtung Bühne, auch aus den Rängen. Vielleicht ist das für viele auch so eine Art Erlösung. Denn still stizend war diese akustische Energieentladung auf Dauer dann doch schwer auszuhalten.

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