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Joachim Witt in Kiel Alte Deutsche Welle

Der ehemalige Star der Neuen Deutschen Welle, Joachim Witt, war im anständig besuchten Orange Club zu Gast. Und zeigte, dass ihm nicht nur der Goldene Reiter nachhängen sollte.

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Ein im besten Sinne des Wortes eigenartiger Veteran: Joachim Witt live im Orange Club.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Unter den ehemaligen Stars der Neuen Deutschen Welle nimmt Joachim Witt eine Sonderrolle ein. Obwohl ihm der Goldene Reiter auf ewig anhängen wird, hat er sich im Laufe seiner Karriere so sehr verwandelt, ist dabei so oft ab- und wieder aufgetaucht, dass er heute schwer zu fassen ist. Die daraus erwachsene Aura steht dem 67-Jährigen ebenso gut wie der graue Vollbart und sein stechender Blick. Keine Frage: So kann man alt werden.

Doch bevor Witt am Donnerstag im anständig besuchten Orange Club selbst die Bühne betritt, darf sich hier eine Dreiviertelstunde lang sein Protegé Leichtmatrose austoben. Der Sänger grundiert in seiner Musik deutschen Chanson mit Electronica, präsentiert dazu oft melancholische Texte, geht zusammen mit seinem Gitarristen und seinem Keyboarder, die beide im Clockwork-Orange-Look angetreten sind, mitunter aber auch in Richtung Neue Deutsche Härte. Die Songs des Leichtmatrosen, auf seinen beiden CDs opulent arrangiert, wirken hier ein wenig gestripped. Nostalgisch stimmt seine Interpretation des Grönemeyer-Klassikers Ich hab’ dich bloß geliebt, sein eigener Hit Herztransplantation hat mit einer leichten Creepiness das Zeug zum Goth-Schlager.

 Um 21 Uhr hört man Donnergrollen und Krähenrufe, dazu streifen tiefblaue Lichtstrahlen durch den Saal. Und dann steht Joachim Witt selbst auf der Bühne und gibt seinen Song Über das Meer zum Besten. Schwer und düster klingt seine Stimme, schwer und düster klingt auch die Musik, für die hier ein junges Trio verantwortlich zeichnet, das die Lieder des Sängers angenehmerweise mit gehörigem Wumms umsetzt. Dabei trägt man schwarz. Witt könnte sich hier problemlos als schwermütiger alter Mann inszenieren, fährt aber stattdessen eine Doppelstrategie. In seinen Ansagen verwandelt sich der musikalische Geschichtenerzähler verlässlich in einen Spaßvogel, der beständig Witze über sein Alter macht, mit Hamburger Zungenschlag spricht oder eine Uptempo-Nummer mit den Worten „Jetzt mal hoch die Beinchen!“ anmoderiert. Seine Zuhörer, die ihm mutmaßlich größtenteils noch aus NDW-Zeiten treu sind, lassen sich auf solche Scherze bereitwillig ein: „Wem ist denn dieser Nebel entwichen? Wollt ihr mich in meinem Alter noch so belästigen?“, kommentiert Witt etwa die Bühnenschwaden und hat die Lacher prompt auf seiner Seite.

 Wer auch die Tatsache, dass er sich in der zweiten Konzerthälfte zuweilen einen Stehhocker bringen lässt, unter der Rubrik Altersschwäche rechnen will, vergisst, dass dieser Endsechziger locker zwei Stunden nonstop durchhält. Dramaturgisch geht es dabei eher linear zu, leben Songs wie Frühlingskind, Jetzt geh oder Hände hoch von ähnlichen Grundstimmungen. Es ist ein im besten Sinne des Wortes eigenartiger Veteran, der da oben auf der Bühne steht. Und wäre Quentin Tarantino ein deutscher Regisseur, wäre wohl auf mittelfristige Sicht zumindest eine Nebenrolle für ihn drin.

 Es passt zu diesem Habitus, dass Joachim Witt die NDW-Karte, von der mancher Kollege heute ausschließlich zehrt, erst zur Zugabe ausspielt. Da folgt auf den Goldenen Reiter prompt auch noch der „Herbergsvater“-Hit Tri tra trullala und der Sänger wirkt bei der Interpretation wie ein ironischer Chronist der eigenen musikalischen Lebenslinie. Großer Applaus für die Alte deutsche Welle.

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