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Ein anderes Frauenleben

Johanna Mestorf Ein anderes Frauenleben

Als Johanna Mestorf im Jahre 1874 ihre erste Tagebuch-Aufzeichnung einträgt, da bekennt sie schon in den ersten Zeilen, dass sie damit viel früher hätte beginnen sollen, waren doch gerade die ersten Monate ihrer Tätigkeit so „wechselvoll“ wie „unbehaglich“ gewesen.

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Dagmar Unverhau und Claus von Carnap-Bornheim mit dem dreibändigen Werk über Johanna Mestorf (1828-1909), deren Porträt im Hintergrund zu sehen ist.

Quelle: Björn Schaller

Schleswig. 46 Jahre alt ist die unverheiratete Frau, soeben von Hamburg nach Kiel übergesiedelt, und am Ziel ihrer Wünsche: Kustodin am Museum vaterländischer Altertümer zu Kiel. Begründet aus den zusammengeführten Flensburger und Kieler Sammlungen.

 Aufsehenerregend war es damals, dass eine Autodidaktin eine solche Position erreichen konnte. Erst viel später, ab 1908, wurde, wenn auch zaghaft, Frauen erlaubt, ein Universitätsstudium aufzunehmen. Wie Johanna Mestorf dieser Karriereschritt gelang und wie sie schließlich 1891 auf ihrem Feld der prähistorischen Archäologie zur anerkannten Direktorin des Kieler Museums aufstieg, das südlich des Schlosses seinen Sitz hatte, hat die Berliner Historikerin und Archivarin Dr. Dagmar Unverhau akribisch und mit langem Atem erforscht.

 Schon in den Achtzigerjahren während der Arbeit am Landesarchiv in Schleswig war Unverhaus wissenschaftliche Neugier auf Mestorf geweckt worden. Kurt Schietzel, ehemaliger Direktor des Archäologischen Landesmuseums, beauftragte sie damals mit der Edition des Tagebuchs. Das liegt jetzt fast drei Jahrzehnte später als Teilband des insgesamt dreibändigen Werks unter dem Titel Ein anderes Frauenleben im Wachholtz Verlag vor.

 Claus von Carnap-Bornheim, der es als Leitender Direktor der Stiftung Landesmuseen herausgegeben hat, schätzt es als zeitgeschichtliches Dokument eines Frauenlebens, „das weit über die Welt unseres Museums hinausweist“. In der Tat zeichnet die Autorin in schier überwältigender Detailfülle auf insgesamt 1456 Seiten den ungewöhnlichen Lebensweg nach. „Dabei sollte keine Biografie im herkömmlichen Sinne entstehen“, sagt die Historikerin. Denn die Aufzeichnungen seien zwar persönlich, aber niemals privat oder gar intim. Als Historikerin habe sie vielmehr nachweisen wollen, wie Johanna Mestorf ihre Karriere unter allerschlechtesten Voraussetzungen angelegt habe und wie groß ihr Einfluss auf das Museumswesen gewesen sei.

 Das unscheinbare, in grünes Leinen gebundene Privatjournal, das in den Gottorfer Archiven verwahrt wird, enthält handschriftliche Aufzeichnungen, die Mestorf während ihrer 18-jährigen Dienstzeit als Kustodin führte. Dagmar Unverhau hat sie transkribiert, aber eben nicht nur übertragen, sondern „auch versucht zu verifizieren, was sie gemeint haben könnte“. Das mehr als 50-seitige Personenregister ist zudem Ausweis dieser umfänglichen Recherchearbeit.

 Wer war diese Frau, die den Betrachter auf zeitgenössischen Fotografien mit skeptisch-strenger Miene anblickt? Nüchtern war sie, zielstrebig – und bald in ermüdendem Konflikt mit ihrem „Chef“ Prof. Heinrich Handelmann gefangen, der ihr Forschertalent wahrlich nicht beförderte. Dabei machte Mestorf aber auch kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Mühsal ihrer Berufung. Schon das Spülen einer Teetasse heische Selbstüberwindung, bekennt sie. Nun aber fühle sie sich gemüßigt, „die von Staub und Rost starrenden Gegenstände zu reinigen, zu firnissen, zu leimen. Noch dazu in den Wintermonaten körperlich leidend und mit erstarrten Gliedern“.

 Räumen, Aufstellen, Ordnen, Schränke säubern, Etikettieren, Katalogisieren, Publikum führen, Kollegenaustausch und Briefwechsel – das sind die immer wiederkehrenden Tätigkeiten, die im Tagebuch benannt werden. „Ich bin Mann, gesellschaftliche Repräsentantin und Hausfrau“, skizziert Mestorf ihre „dreifache Existenz“. Dass sie am Ende gegen viele Widerstände die Nachfolge ihres ungeliebten Chefs antreten durfte, sei auch ihrem dichten Netzwerk zu skandinavischen Wissenschaftskollegen zu verdanken. Mestorf, sagt ihre Biografin, habe doch die Prähistorie in Schleswig-Holstein nach skandinavischen Vorbildern in der Aufstellung „ihres“ Museums professionalisiert.

 „Johanna Mestorf gehört einfach zu meinem Leben“, sagt Unverhau, die 1990 als erste Frau an der Spitze des Berliner Landesarchivs stand und von 1991 bis zur Pensionierung 2009 in der Stasi-Unterlagen-Behörde arbeitete. Spielt Wehmut mit, das Kapitel nun abzuschließen? „Nein“, sagt sie vehement, „ich werde jetzt Bridge spielen und ganz andere Dinge tun.“

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