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Die Menora im Nippes-Regal

Jüdisches Museum Die Menora im Nippes-Regal

Wenn im Untertitel der Ausstellung „Zeitgenössische Positionen jüdischer Künstler“ angekündigt werden, provoziert das Fragen. Fragen, auf die Carsten Fleischhauer als Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg vorbereitet ist.

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Ilana Lewitan aus München packt kleine persönliche Geschichten und Gedankenspiele in Plexiglaswürfel.

Quelle: Marco Ehrhardt

Rendsburg. Ob sie denn in der aktuellen Kunst überhaupt aufzuspüren sei, die jüdische Identität oder das Selbstverständnis, darauf versucht die Schau mit Arbeiten von sechs Künstlern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich Antworten zu finden, die so unterschiedlich sind wie die Medien und Themen, die sie verhandeln. Und das ist offenbar ganz im Sinne von Louis Lewitan, dem Münchner Kurator der Schau unter dem ironischen Titel Warum? – Warum nicht?

 „Ich weiß nicht, was jüdische Malerei ist. Ich mache einfach Malerei“, sagt der russisch-stämmige und in Berlin lebende Maler Pavel Feinstein. „Und sollte meine Malerei jüdisch sein, so eben nur, weil ich jüdisch bin.“ Feinstein malt Stillleben mit Zutaten, wie sie uns die alten Niederländer serviert haben. „Altmeisterliche saftige Malerei, die sich nicht darum schert, ob sie zeitgemäß ist“, meint Carsten Fleischhauer mit Blick auf Obstschalen, Fleisch auf dem Teller und obligatorischen Zitronen. Schade, dass nur eines der in Rendsburg gezeigten Stillleben in die leicht absurde Spur führt, für die Feinsteins Malerei steht. Auf diesem Bild nämlich richtet zwischen Zitrusfrucht und Delfter Porzellan ein Leguan den dringlichen Blick auf den Betrachter. Warum? Warum nicht? – würde Feinstein vielleicht antworten, denn Fragen und Gegenfragen gehören einfach zum jüdischen Sein, meint Kurator Lewitan, Psychologe, Stress-Coach und geübter Interviewer, der für das „Zeit-Magazin“ arbeitet.

 Mit hintersinnigem Humor macht sich nicht nur der Daniel Spoerri-Schüler Pavel Schmidt ans dadaistisch angehauchte Werk, sondern auch Peter Loewy, Fotograf aus Frankfurt, der in Tel Aviv aufgewachsen ist. In Privathaushalten forscht er nach Indizien jüdischer Identität und macht den Betrachter seiner Farbfotografien zum Komplizen eines Suchspiels. Der findet im Jugendzimmerregal eine Troll-Sammlung, darunter einen mit Kippa auf dem knallblauem Haar, der sich frech in der Mitte postiert hat. Daneben das Foto einer Vitrine, die so prallvoll mit Nippes gefüllt ist, dass man die winzige Menora ganz rechts in der Ecke leicht übersehen könnte. Sehr verschämt reiht sie sich in dieses süßliche Kabinett abendländischer Kulturgeschichte ein. „Ein Statement zu meiner jüdischen Identität habe ich nicht“, sagt Loewy, „außer, dass Jude sein allein noch kein abendfüllendes Programm ist.“

 Dergestalt angeregt und stellenweise amüsiert schweift der Blick durch diese Ausstellung. Die hat ihre hübsch erzählerisch-spielerischen Seiten mit den Plexiglasschaukästen und Malereien von Ilana Lewitan. Oder die so knallharte wie flüchtige Wirklichkeitssicht der Wienerin Anna Ceeh, deren mit treibenden Dancefloor-Rhythmen unterlegtes Videomaterial sich aus allen medialen Kanälen speist. Für die aus Leningrad stammende Künstlerin sind Grenzüberschreitungen Programm.

 Solche Radikalität nimmt sich seltsam aus in Nachbarschaft zu beinahe klassisch-modern gearbeiteten Reliefs, mit denen der Schweizer Daniel Häsli die ewigen biblischen Geschichten von so ungleichen Paaren wie Adam und Eva oder Salome und Johannes erzählen. Geht das in dieser Ausstellung zusammen? – Warum nicht?

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