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Hercules auf der Reise zu sich selbst

Jugendclub des Kieler Theaters Hercules auf der Reise zu sich selbst

Die Basecap auf dem Kopf ist so etwas wie der Staffelstab, der weitergegeben wird im Stück Hercules – oder die schöne unerreichbare Frau des Jugendclubs des Theaters Kiel. Wer sie trägt, schlüpft in die Rolle der Titelfigur der Inszenierung, die bei ihrer Premiere im voll besetzten Studio des Schauspielhauses viel Applaus erntete.

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 Hercules-Premiere des Jugendclubs. In der Mitte auf dem Hocker: Nora Hasan

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Schon in der ersten Szene hat dieser Hercules, ein 15-Jähriger Junge, ein heftiges Erlebnis zu bewältigen: die Beerdigung seines Vaters. Mit dem verstand sich der Sohn nicht gerade rosig. „Ein Arschloch“ nennt er ihn, den alle anderen am offenen Grab über den Klee loben. Ein Rechteck aus Licht deutet die Grabstelle nur an.

Ein wohltuend abstrahierender Stil, der sich durch die ganze Inszenierung zieht, die Theaterpädagogin Annette Schenk temporeich und originell mit den zwölf Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren erarbeitet hat. Als Hercules auf die Reise geschickt wird zum Onkel, um sich wieder zu fangen, drehen sich hinter durchscheinenden Stellwänden im Schattenriss Räder mit Silhouetten von Häusern und Bäume darauf, die die am Zug vorbeiziehende Landschaft symbolisieren und die Szenerie einfallsreich bebildern.

 Auch die Idee, die Rollen immer wieder wechseln zu lassen, überzeugt. So zeigt Hercules buchstäblich viele Gesichter: Mal wirkt er lässig, mal schüchtern, mal gewitzt, mal grüblerisch. Wie es sich eben für einen Teenager gehört, der noch auf der Suche nach sich selbst ist. Einmal mehr zeigt sich, wie viel spannender ein selbst erarbeitetes Stück mit Jugendlichen wirkt, die so ihre eigenen Bilder und eigene Sprache entwickeln können. Das Herkules-Motiv aus der griechischem Mythologie hat die Gruppe als Aufhänger genutzt, um Themen einzubringen, die sie beschäftigen: die erste Liebe, die Suche nach einem Job, die Orientierung in einer fremden Umgebung. Beim Onkel angekommen, stellt dieser ihm zehn Aufgaben, die – so willkürlich sie zuerst erscheinen – sich am Ende alle zusammenfügen.

 Bis dahin dürfen die Darsteller aber noch jede Menge Spielfreude demonstrieren. Es wird getanzt, geflirtet und eindrucksvoll live gesungen. Es gibt Pantomime, Gruppenszenen und vorab gedrehte Traumsequenzen. Am Ende ist die Hauptfigur der Bewältigung der wichtigsten „Herkules-Aufgabe“ ein gutes Stück näher gekommen: Selbst zu entscheiden, was man im Leben will.

Von Beate Jänicke

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