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Früchte eines kongenialen Einklangs

Julia Hülsmann Trio und Theo Bleckmann in Kiel Früchte eines kongenialen Einklangs

Kurt Weills bislang im Schatten verborgener Schatz "Your Technique" eröffnet das Konzert. Zwar geht es in dem von bitterer Ironie geprägten Liedtext von Ann Ronell um das Liebesleid, doch könnte sich der Titel des zart und sacht dargebotenen Stücks auch auf die immense technische Qualität dessen beziehen, was hier in den kommenden rund anderthalb Stunden im gut gefüllten Kieler Kulturforum dargeboten wird.

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Faszinierend stimmige Chemie: Julia Hülsmann und Theo Bleckmann.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel.. Es ist natürlich viel mehr als nur das: Das Julia Hülsmann Trio und Sänger Theo Bleckmann interpretieren in ihrem Programm Kurt Weill in Amerika unbekannte, aber auch berühmte Lieder des genialen Komponisten behutsam, einfühlsam, einfallsreich.

 Das damals nicht veröffentlichte Your Technique sei wohl für ein Musical gedacht gewesen, erzählt Julia Hülsmann dem Publikum. Wie auch das vor großstädtischer Geschäftigkeit vibrierende, von Arpeggien getriebene Great Big Sky, gedacht für den Gesangspart eines Hausmeisters. „Wir haben hier zwar keinen Hausmeister, aber wir haben Theo“, scherzt Hülsmann, und Bleckmann macht eine fegende Bewegung. Dann lässt Heinrich Köbberling mit Besen und bloßer Hand einen nervösen Rhythmus von der Leine, Marc Muellbauers sportiv gezupfter Bass und Hülsmanns erzählfreudiges Piano setzen klare Akzente, bis sich die Töne während eines von vielen eloquenten Piano-Soli girlandenartig umschlingen und wieder voneinander lösen. Bleckmann, der sich im Wortsinn sacht federnd in das Lied hineinkniet, singt dazu weich, sanft und mit enormer stimmlicher Gelenkigkeit, bis die Band in einen konstanten Rhythmus einbiegt, auf dem Bleckmann seine ausdrucksvollen Lautmalereien wandeln lassen kann – bis die Drums aus dem Stück heraus stolpern und der Rest folgt. Faszinierend. Weills prominentes Lied Speak Low dehnt die Band bekömmlich zu einer getragenen, leicht schwermütigen Ballade. Gewagt ist die konsequent zerstückelte Version des kaum erkennbaren Alabama Song, ebenso die romantisierende, swingende Version von Mack The Knife im krassen Widerspruch zum Textinhalt.

 Auf dem aktuellen Album wie im Konzert finden sich auch drei von Hülsmann vertonte Gedichte des US-amerikanischen Dichters Walt Whitman. Die rhythmischen Verse von Beat! Beat! Drums! eignen sich hervorragend als Text für eine derart perkussiv angelegte Komposition mit eruptiven Drums, akzentuiertem Piano, gestrichenem Bass und Bleckmanns expressivem Gesang samt artistischen Scats. In A Clear Midnight hallt seine Stimme geisterhaft, und A Noiseless, Patient Spider klingt wie ein jazziges Kinderlied, bis es sich zu einem psychedelischen Wabern und Wogen auftürmt und Bleckmann einmal mehr seine Stimme selbst live sampelt und loopt, sie so zu einem mächtigen, verstörenden Chor aufschichtet.

 Als erste Zugabe ein beschwipst swingendes Applejack, als zweite Hülsmann und Bleckmann im Duo mit dem Weill-Klassiker Lost In The Stars, dann entlässt ein rundum zufriedenes Publikum die Musiker mit kräftigem Beifall in den Feierabend.

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