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Dicht und lose miteinander verbunden

Julia Kadel Trio Dicht und lose miteinander verbunden

Die zurzeit viel gelobte Julia Kadel trat am Freitagabend im Kultur-Forum auf. Dass sie dieses Lob auch verdient, stellte sie in Kiel unter Beweis, und hatte selbst noch Spaß dabei.

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In Inspiration und Reaktion auf den Auftritt spielt das Julia Kadel Trio (Pianistin Julia Kadel, Bassist Kalle Enkelmann und Schlagzeuger Steffen Roth) sogar einen eigenen Kiel-Song.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Besser als für Julia Kadel können die Dinge für einen Jazzmusiker nicht laufen. Bei ihrem Jazzklavier-Studium in Dresden lernt sie den Trompeter Till Brönner kennen, der an der Hochschule eine Professur bekleidet. Er nimmt sie unter seine Protegés und produziert ein Album mit ihr. Eine Kopie geht an den Blue-Note-Chef Don Was in Los Angeles. Dieser ist so begeistert, dass er das Werk prompt einkauft. Kadel ist damit die zweite deutsche Jazzmusikerin in der Geschichte des Traditionslabels, die bei Blue Note veröffentlichen darf. Der entsprechende Hype bleibt nicht aus.

Zum Saisonauftakt der Konzertreihe „Fantastische Musik“ tritt im gut besuchten Kultur-Forum also eine Künstlerin auf die Bühne, die sich etwas auf sich einbilden könnte. Tatsächlich wirkt Julia Kadel selbstbewusst, aber eher im Sinne einer natürlichen Souveränität. Schon nach den ersten Takten stellt sich der Eindruck ein, dass die Pianistin ganz aus ihrer Mitte heraus agiert: Der Abend beginnt mit einem einfachen Groove, in dem sich Kadel, Bassist Kalle Enkelmann und Schlagzeuger Steffen Roth locker die Bälle zuwerfen. Sie scheinen dabei dicht und lose zugleich miteinander verbunden zu sein. Jeder macht an seinem Instrument sein Ding, aber alle drei hören sich gegenseitig sehr genau zu. Dabei kann das Trio laut und leise, wechselt rhythmisch von dezenten Basstupfern und Besenrascheln zu straightem Beat und zurück, während am Klavier sowohl hohe Lyrik als auch schöner Drive zu erleben sind. Für den Einstieg ist das viel. Dies sei ihr erster Popsong gewesen, der deswegen auch so heiße, gibt Kadel bekannt und ergänzt, dass ihre Mitmusiker sie gefragt hätten, was daran eigentlich poppig sei. Als Hörer kann es einem ähnlich gehen, und gerade daraus bezieht die Musik ihren Reiz.

Das Trio widmet Kiel einen spontanen Song

Das nächste Stück ist der Stadt des Auftritts gewidmet und zählt zu den gänzlich spontan entstehenden Stücken, die zu den erklärten Spezialitäten des Julia Kadel Trios gehören. Die Musiker versuchen dabei nicht weniger, als der Essenz des Jazz nachzuspüren. Wenn kein Ton mehr vorgegeben ist, man die Musik im schöpferischen Sinne gemeinsam kreiert, kommt der Begriff Improvisation einmal ganz zu seinem Recht. Der Kiel-Song beginnt mit noisigem Bass-Spiel und dumpfen Trommelschlägen wie eine dunkle Ballade und wandelt sich dann ins Helle. „Wir komponieren in Reaktion auf Raum und Publikum“, hatte Julia Kadel zuvor bekannt gegeben. Wer will, kann in dem Song also auch sich selbst erkennen.

Und so wechseln im Verlauf des Konzerts geplante und ungeplante Stücke einander ab. Über weite Strecken entsteht dabei ein sehr zarter Flow, der die Improvisationen trägt. Julia Kadel und ihre Mitmusiker wagen und gewinnen viel, wenn sie sich ganz auf den Moment einlassen. Dass es dabei auch ein paar Situationen gibt, die weniger zwingend und ein bisschen nach Jazzwerkstatt klingen, versteht sich von selbst. Das Publikum folgt bereitwillig allen Experimenten und fordert nach zwei Stunden erfolgreich mehrere Zugaben ein. „Das macht so viel Spaß“, gibt Julia Kadel irgendwo mitten im Auftritt zu Protokoll. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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