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Den Mythos heruntergebrochen

„Jungfrau“ in Hamburg Den Mythos heruntergebrochen

Nicht nur in Kiel ist der Klassiker in der aktuellen Spielzeit zu sehen. Tilmann Köhler dockt Schillers „Jungfrau von Orleans“, die am Wochenende Premiere feierte, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg ans Heute an.

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Anne Müller zeigt die Johanna zerrissen zwischen naivem Glauben, Leidenschaft und Selbstzweifel.

Quelle: Matthias Horn

Hamburg. Erstmal wird hier Krieg verkündet: Von Winston Churchill, Friedrich Wilhelm III., Wilhelm II., George Bush. Die Anlässe reichen vom Feldzug gegen Napoleon bis zum 1. Irak-Krieg 1990, und doch klingt vieles erstaunlich gleich in diesen teils berühmten Brandreden, die Tilmann Köhler in seiner Inszenierung von Schillers Jungfrau von Orleans am Deutschen Schauspielhaus Hamburg von hoher Politbühne einsprechen lässt. Martialisch in der Wortwahl, aber so sachlich im Ton, wie der Zweck eben die Mittel heiligt. Und auch da beruft man sich auf Gott: „Es ist Krieg zu führen, zu Wasser, zu Lande und in der Luft, mit all unserer Macht und mit all der Kraft, die Gott uns geben kann.“

Ein Prolog, an den sich Schillers O-Ton überraschend nahtlos anschließt, wenn König Karl und seine Mannen sich noch mal aufraffen gegen die Übermacht der Engländer. Oder wenn Vater Thibault (Josef Ostendorf) mit aufgebrachtem Ernst beschwört: „Heute sind wir noch Franzosen, freie Bürger …“ – und schnell noch die Töchter unter die Haube bringen will, bevor sich die fremden Machthaber im Lande ausbreiten. Da dräuen auch Pegida, Le Pen und sein weiblich dominierter Polit-Clan.

So werden Kriege zur Mission

Dabei ist das Volk ja weit weg von den grauen Herren und jener strengen Dame Sorel (Gala Winter), die da oben in sicherer Höhe über den Rand des imposanten Trogs dozieren, den Karoly Risz auf die Bühne gebaut hat. Eine glatte, steil gewölbte Wand, die kaltsilbern schimmern oder kupfern lodern kann – und an der die Akteure abgleiten, rutschen, fallen bis auf den tiefsten Grund von Schützengraben, Schmelztiegel oder Amoral. Und vor der sie ziemlich klein werden, stets eindrucksvoll überwölbt von der Größe der Sache.

Auf 105 pausenlose Minuten und neun Schauspieler verknappt dröselt Regisseur Tilmann Köhler anhand von Schillers Monumentalstück das zeitlose Muster auf, nach dem Kriege zur Mission werden. Ganz anders als in Kiel Malte Kreutzfeldts auch schon eindrückliche, ganz auf die Innenwelt der Heldin konzentrierte Inszenierung, zeigt der Hausregisseur am Dresdner Schauspiel in Hamburg nun ein kühl choreografiertes Politdrama, in das Johanna die Stimme aus der Basis einbringt. Die mythische Kriegsheldin, Herausgehobene durch göttliche Erwählung, kann sie da kaum noch sein, eher ein Beispiel für die Macht der Manipulation.

Anne Müller schillernd

Anne Müller zeigt sie schillernd zwischen licht und lodernd. Durchaus rätselhaft zerrissen zwischen naivem Glauben, Leidenschaft und Selbstzweifel. Mit Wunder und Märchen hat das alles weit weniger zu tun als bei Schiller. Diese Johanna wird nur deshalb mächtig, weil Karls Gefolgsleute es wollen, weil sie ein „Wunder“ brauchen, das ihren schlappen König wieder in die Kriegsspur bringt, und sein Volk gleich mit. Dafür kann man das kämpferische Bauernmädchen schon mal ein bisschen umgockeln. So wie Samuel Weiss, der auf allen Fronten das Rollenbild des realpolitischen Warlords erfüllt – egal ob Talbot oder Dunois. Und Johanna lässt sich mitreißen, erst zögerlich, dann immer fester, angespornt und eine Weile getragen von denen da oben.

Nicht alles passt da zusammen, und der Liebesblitz, den Lionel (Jonas Hien) auslöst, erscheint auch diesmal eher als eine Begegnung der dritten Art. Dinge, die sich verschmerzen lassen angesichts der Klarheit, mit der Köhler den Mythos herunterbricht aufs machtpolitische Geschäft. Und darin zeigt sich Die Jungfrau von Orleans zeitlos modern.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg. 6., 10., 21. November, 6., 28. Dezember. Kartentel. 040/248 713, www.schauspielhaus.de

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Schauspielhaus Kiel
Foto: "Die Jungfrau von Orleans" hatte Premiere im Kieler Schauspielhaus.

Die "Jungfrau von Orleans" feierte Premiere im Kieler Schauspielhaus. Malte Kreutzfeld inszeniert den Klassiker von Schiller, entzaubert die strahlende Heldin und lässt den Mythos so in sich zusammenfallen.

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