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Analyse des Patienten Deutschland

Kabarettist Arnulf Rating im Lutterbeker Analyse des Patienten Deutschland

Zum zigten Male erwies ein Künstler dem Lutterbeker Publikum die Ehre der Vorpremiere eines neuen Programmes: „Ganz im Glück“ bestand der Kabarettist Arnulf Rating die Feuertaufe und setzte silben- sowie bilderreich in wechselnden Rollen Nadelstiche, um den Patienten Deutschland aus dem Wachkoma zu holen.

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Arnulf Rating als Schwester Hedwig.

Quelle: Boysen

Kiel. Ob es gelungen ist, steht beim Lesen dieser Zeilen bereits fest; Rating jedenfalls kommt bei seiner Presseschau auf aktuelle Zeitungen zu dem Schluss: „Wir sollen wählen!“. Man wolle uns an die Urne holen, aber Änderung wolle man nicht. Es käme ihm vor wie nach fünf Stunden Monopoly: Wenigen gehöre alles und sie müssten den Anderen Geld geben, damit sie überhaupt noch mitspielten. Wenigstens käme man noch über „Los“, für eine Grundsicherung sei somit gesorgt.

Die Basis dieses Kabarettprogrammes ist die Praxis des Dr. Mabuse, sie ist der Bezugspunkt der unterschiedlichen Charaktere Ratings. Als Dr. Mabuse selbst analysiert er den Patienten Deutschland, der die „Sättigungsbeilage Ost“ nicht recht verdaut hat, an einer „Überdosis Kohl“ litt bis der „Anästhesist Waigel“ mit dem Spruch „Der Euro ist stark wie die Mark“ den Patienten ins Wachkoma versetzte. Dieses sei stabil, doch „chronische Wachstumspsychose“, „schwere Geldsucht“ und „Sparzwangsvorstellungen“ führten zum Burn-Out. Mit derlei Wortspielen und Metaphern wirft Arnulf Rating nur so um sich, höchste Aufmerksamkeit ist gefordert, wenn man dem Tempo des alten Hasen und Mitbegründers der 3 Tornados folgen will. Als Schwester Hedwig verschwindet die hohe Stirn unter einer Zopfperücke und in westfälischem Plauderton bildet die Figur quasi den gesunden Menschenverstand ab, der Datenschutz und die „Zwangseinweisung“ von Politikern fordert, da diese über kein „Krankheitsbewusstsein“ verfügten.

Um einigen Aussagen Nachdruck zu verleihen, wechselt Rating zwischendurch ans Rednerpult vor die auf eine Mistgabel gespießten Mikrofone und schlüpft auch hier in verschiedene (Politiker-) Rollen.

Ein eher schlichtes Gemüt stellt Rating als berlinernder Security-Mann dar, der frei nach dem Motto Ich-hab-nichts-zu-verbergen die Vorzüge sämtlicher Datenerfassungen von Handys ganz plastisch ausmalt: So sei es möglich, einen straffällig gewordenen Jugendlichen auf den Pfad der Tugend zu führen, wenn man einfach das Adressbuch tausche („Denn is er raus aus`m Milieu“). Auch das Löschen von Lieblingssongs oder das Sperren des Zugangs zu Killerspielen seien wirkungsvolle Mittel.

Brillant veranschaulicht Arnulf Rating bestehende und bevorstehende Überwachungsszenarien, zeigt als Fred Ferkelmann gängige Geschäftspraktiken von Investoren auf, die den Kunden mit „Sie haben Potential“ blenden, um ihn auszupressen. So lässt sich auch Dr. Mabuse verführen und kommt erst spät zu dem Scherz: „Wie stirbt eine Hirnzelle von Fred Ferkelmann? Einsam.“

Arnulf Ratings Hirnzellen hingegen sterben sicher im Kreis einer Großfamilie.

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