16 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Wandtattoo statt Bücherwand

Frank Lüdecke im Metro-Kino Wandtattoo statt Bücherwand

Nach einer kurzen Warnung aus dem Off, dass Kabarett aufgrund der dort vertretenen Meinungen zu „Mikro-Aggressionen“ führen könne, betritt Frank Lüdecke den gut gefüllten Saal im Metro-Kino. Und das mit umgehängter Gitarre und einem Bluesrock-Riff.

Voriger Artikel
Poesie und Musik im Einklang
Nächster Artikel
Wunderbare Hommage

Sympathischer Mahner, stets im Kampf um Moral und Bildung: der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke.

Quelle: Foto: Björn Schaller

Kiel. Kein flüchtiger Einstieg, sondern elementares Element seines neuen Programms „Über die Verhältnisse“.

Es habe sich viel getan, erzählt er und erkennt im Hype um den SPD-Kanzlerkandidaten „die Traditionslinie Che Guevara-Rudi Dutschke-Martin Schulz“. Dann wird es persönlich; Lüdecke verliest die Stichpunkte seines Programms, denn er möchte in Erinnerung bleiben und nicht noch einmal erleben, dass eine Zuschauerin nach seinem Auftritt „seine Brille“ am besten gefallen habe.

 Selbstironisch, unterhaltsam und dennoch mit genügender Schärfe in seinen Analysen, brillant im Timing (auch wenn er ab und zu mal im Skript spicken muss) und stets im Kampf um Moral und Bildung, so glänzt der Berliner Kabarett-Profi. Er wirkt wie der nette Mann von nebenan, der aber nicht immer nett sein kann, weil einfach zu viel Beklagenswertes geschieht, das mit den Mitteln der Satire bekämpft werden muss. Mangelnde Bildung etwa, so habe eine Schülerin die Frage nach der Konfession mit „75B“ beantwortet. Oder die US-Touristen in Berlin, deren meist gestellte Frage sei, „warum sich die Nazis Nazis nannten, obwohl doch der Name schon so einen schlechten Ruf habe“.

 Es gibt also viel zu tun – und zu lesen, das ist aber nicht so leicht, denn „die Kommunikation verändert sich“, weiß Lüdecke, dessen Familie sich zur Whats-App-Gruppe entwickelt habe. „Die Bücherwand als Statussymbol hat ausgedient“, meint er, jetzt befinde sich dort ein „Wandtattoo mit einer kurzen Botschaft“. Ganz im Sinne von Twitter, wobei es auch ganz gut sei, dass Menschen wie Lothar Matthäus oder Helene Fischer nur die dort üblichen 140 Zeichen zur Verfügung stünden. Man müsse „im Zeitalter des Kurztextes“ lernen zu filtern. „Ich wünschte mir die Briefe Bebels, doch du schenktest mir nur Fifty Shades Of Grey“, beklagt er in seiner Version von Leonard Cohens Suzanne den literarischen Verfall von „Susanne“. Mit versiertem Fingerpicking legt er saubere Cover von The Joker oder Paul Simons The Boxer vor.

 Lüdecke ist mit seinen 55 Jahren Vertreter der Baby-Boomer-Generation – „wir sind die Unwucht im Rentensystem“, erklärt er und nimmt den Geburtenrückgang im Cover von In The Year 2525 satirisch aufs Korn: „In the year 2929, wie wird’s da in Deutschland sein? Leben Menschen noch in Kiel – und wie viel?“, fragt er.

 Doch es wird weitergehen und Frank Lüdecke, dieser sympathische Mahner, weiß auch wie: „Ja, wir leben , über die Verhältnisse, schnell jetzt, Beeilung, alles ’ne Frage der Verteilung, Syrer, Sachsen und auch der Latino, für alle ist genug Schaum auf dem Cappuccino“, singt er im Gedenken an Brecht und Tucholsky, deren Botschaften dank Menschen wie ihm immer weiter getragen werden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3