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Zwischen Witz- und Wutbürger

Kerim Pamuk im Kulturforum Kiel Zwischen Witz- und Wutbürger

Ist das noch komisch, oder kann der Witz schon weg? Beim aktuellen Programm Selfies für Blindschleichen des deutsch-türkischen Kabarettisten Kerim Pamuk aus Hamburg kann die Antwort nur ein entschiedenes Kommt-drauf-an heißen.

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Immer mehr Gefallen an einem sehr „schlichten Weltbild“: Kerim Pamuk im Kieler Kulturforum.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Der Abend im halb gefüllten Kulturforum ging auf jeden Fall gut los. Die vergebliche Aufforderung an die Zuschauer der hinteren Reihen, doch nach vorne zu kommen und die leer gebliebenen vorderen Plätze zu besetzen, quittiert Pamuk ebenso spitz wie spontan: „Ja, klar, lieber zwei Armlängen Abstand halten zum Moslem auf der Bühne nach den Vorfällen in Köln!“

 Ansonsten outet sich der Kabarettist gleich mal als Griesgram unter Griesgrämigen, als „mürrischer Karpfen in der grummelnden Elbe“. Einer, dem nicht mal der Verkäufer der Obdachlosenzeitung ein Exemplar andienen möchte: „Lass’ stecken, Mann, du hast schlechtes Karma!“ Vieles gibt es, was Pamuk die Laune versaut. Zum Beispiel beim Fußball. Da vermisst er Lothar Matthäus, den „Berufsbegleiter osteuropäischer Damen“. Ja, damals, da waren Fußballer noch Männer, keine Role Models. Wen hat man heute: Cristiano Ronaldo! Wie der sich die Haarsträhne ordnet, sich nach dem Schuss selbst im Videowürfel betrachtet, nein, diese „Pussy“ ist nichts für einen ganzen Kerl wie Pamuk. Auch Jogi Löw kriegt später noch sein Fett weg, als an der Seitenlinie tussihaft herumtänzelnder Trainer.

 Gereicht werden diese doch ziemlich abgehangenen Scherzchen mit der selbstironischen Beobachtung, im zunehmenden Alter immer reaktionärer zu werden: „Die machen mich zum Macho!“, beklagt sich Pamuk. Immer mehr Gefallen finde er an einem sehr „schlichten Weltbild“. Diese Wendung ist interessant und wäre es wert gewesen, sie näher zu betrachten. Wie mutiert man selbst Stück für Stück vom aufgeklärten Menschen zum engstirnigen Teilzeit-Wutbürger? So bleibt es aber bei der bloßen Feststellung der eigenen Intoleranz, die dann als dramaturgischer Kniff herhält, ein munteres Bashing aller möglichen und schon vielfach veralberten Nervigkeiten aufzufahren. Nicht zu vergessen, das große Über-Thema: die digitale Welt. Statt etwas zu erleben, werden überall nur noch Selfies geschossen, ob der Hintergrund das Forum Romanum ist oder doch das Kolosseum – egal, Hauptsache, das Selfie sitzt. Der Norddeutsche neige nicht zum grundlosen Lachen, weiß Kerim Pamuk. Gelacht wurde an diesem Abend durchaus, aber es wäre mehr drin gewesen.

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