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Reisen rund ums Unrunde

Kabarettwoche im Metro-Kino Reisen rund ums Unrunde

Wenn einer eine Reise tut, dann hat er bekanntlich was zu erzählen, zumal wenn er Frank Goosen heißt und in bewährter Manier jene Reisen rekapituliert, die ihn und seine Generation durch die Untiefen der Adoleszenz in den 80er Jahren führten – und immer wieder auf den Fußballplatz.
 

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Frank Goosen eröffnete die 1. Kabarettwoche im metro-Kino mit seinem neuen Programm „Durst und Heimweh“.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel . "Durst und Heimweh“ nennt er treffend sein neues Programm, wissend, dass das eine schlimmer sei als das andere. Jedenfalls sah „Omma“ das so, wenn er mit ihr und „Oppa“ „im Kadett“ aus der heimatlichen Bochumer Alleestraße immerhin bis Emden kam. Im Autoradio sang damals Freddy Quinn vom „fernen Wüstensand“ und machte damit schon dem kleinen Frank „einen Durst auf die Ferne, der mit Wasser nicht zu löschen war“. Aber was sollte er in Emden oder gar im Fränkischen, wo das Bier in Klöstern gebraut wird und entsprechend asketisch schmeckt. Trinker, bleib’ in deinen Hallen, sagte sich das Ruhrpottkind und lobt noch heute das Autobahnkreuz Bochum-West, denn nicht Natur verbinde die Menschen, „sondern Asphalt“.
 
Auch mit den ersten Lieben war es wie mit dem Durst und dem Heimweh: Unstillbare Sehnsüchte auf Klassenfahrten, wo man – bessser: Männchen – sich zu den Mädchen schlich, zu Heike, die mit dem Brausepulver und den Leckmuscheln, oder zu Carola, die von Zungenküssen erzählte wie vom fernen Paradies. Eine rundere Sache wurde aus den Liebesdingen erst im eigenen Auto, „ein Ford Taunus, Baujahr ’71, eine echte Liebeskutsche“, aber trotz gemeinsamen Geburtstages mit Clint Eastwood keine erotische Hollywood-Schaukel. Auch später in Susannes R4 führte keine Straße ins Land der Sehnsucht – nur auf einen Campingplatz in Spanien. Eine Steilvorlage für Goosen, um der Deutschen liebster Reiseart nach allen Regeln der Satire die Zelte abzubrechen. Wie man auf unbequemen Luftmatratzen und Liegestühlen „freiwillig verelenden“ kann, ist Goosen heute noch ein Rätsel.
 
Wenn schon Durst und Heimweh, dann lieber mit den aus anderen Büchern schon bekannten Kollegen Spüli, Pommes und Mücke als Interrail-Hobos auf Europas Schienensträngen oder – noch buchstäblich naheliegender – mit Förster, Frenge und Brocki einen Ausflug zur Raststätte Dammer Berge wagen. Gewürzt sind solche Himmelfahrtskommandos natürlich mit reichlich Gerstensaft – nebst den fäkal-humorigen Folgen solcher Durst- und Heimweh-Bekämpfung.
 
Die weitesten Reisen in die Ferne finden eh in der Nähe des Kopfes statt, wie Goosen in der weniger brachial erzählten Geschichte vom nerdigen Nachbarn Jörg berichtet, der auf Flohmärkten ganze Dia-Sammlungen aufkauft und die dort abgebildeten Reisen zu seinen eigenen macht. Goosen zeigt sich darin als der sensible Erzähler wie einst in „Liegen lernen“. Kommt erst in der Verlängerung der Zugabe, bringt das Runde aber treffsicherer ins Eckige als die Reisen durch die bierschwangeren Wirren der Jugend.

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