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Groteske um Fremdenfeindlichkeit und Flucht

Kafkas „Schloss“ Groteske um Fremdenfeindlichkeit und Flucht

K., Kafkas in einer Winternacht herumirrender Landvermesser und Schlosssucher, das sind im Thalia wir. Erstaunlich, wie passgenau sich das geheimnisvolle Schloss mit seiner enigmatischen Bürokratie auf die Festung Europa und die Migrationsgeschichten von Heute zu legen scheint.

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Das Stück in der Regie von A. Romero feierte seine Premiere am Sonnabend am Thalia Theater.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Hamburg. Mit denen von draußen haben sie nichts am Hut, die Leute im Dorf, die Antù Romero Nunes als wüste Hinterwäldler-Karikaturen ins Thalia Theater malt. Mit beulenden Hinterteilen, schwappenden Bäuchen und Monsterbrüsten beschwert (Kostüme: Victoria Behr) schieben, schleichen, krauchen sie im Bühnendunkel umher und leiern stumpfsinnig ihre Ansagen: „Sie dürfen hier nicht schlafen. Niemand darf ohne Erlaubnis hier schlafen oder übernachten.“ Alptraumwesen, deren unmenschliche Verzerrungen von den altmodisch biederen Kinderkleidchen und zu kurz geratenen Gehröcken kaum im Zaum gehalten werden.

Sie sind die, deren Sicht Nunes‘ in seiner Bühnenbearbeitung von Franz Kafkas 1926 erschienenem Roman Das Schloss, vorführt - und so ist die Sache erstmal klar. Auf der Bühne, das sind die im Dorf, sieben Schauspieler, die „uns“ da draußen im Auditorium, ihre Ablehnung entgegenschmettern. Roh, misstrauisch, bedingungslos, nicht von ungefähr kommt einem Pegida in den Sinn. „Wir brauchen keinen Landvermesser“, schallt es in variierenden Tonlagen, aber im immergleichen Wortlaut herüber. Und dazwischen verheddern sie sich in Wortschleifen wie sonst nur höhere AfDler beim TV-Auftritt in Erklärungsnöten: „Sie sind nicht aus dem Schloss, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts.“ Es geht nicht um Argumente, es geht um Festschreibungen. Und es geht schlimmer: „Leider aber sind sie doch etwas, ein Fremder, einer der überzählig und überall im Weg ist.“

Nunes kondensiert den Roman in knapp zwei Stunden zur Groteske, in der die Phobien der Dörfler (und wie sie auf sich selbst zurückfallen) zur Geisterbahnfahrt verschwimmen. Denn K., das sind ihre Projektionen. Die erotischen Träume, die Olga (Catherine Seifert) und Frieda (Lisa Hagmeister) bewegen, während sie sich ihrem unsichtbaren Gegenüber anbieten. Die Selbstrechtfertigung, in der sich Barnabas (Andre Szymanski), der Bote, einlullt. Oder die unbekannte Gefahr, die eine Horde Kindergartenkinder schön bocklos vorführt.

Dumpfe Bilder von dumpfem Denken, die das Ensemble mit beängstigender Konsequenz in Szene setzt. Jörg Pohl ein berechnender Dorfvorsteher, Mirco Kreibich ein dummschwätzender Gehilfe, Thomas Niehaus ein Lehrer mit Hang zum Gewaltexzess. Ein Theater der Grausamkeit, zu dem einem die bizarren Puppen eines Andrzej Woron ebenso einfallen wie die hohläugigen Angstfiguren in der Serie The Walking Dead.

So weit, so Kafka. Aber so enträtselt und auf den Punkt gebracht (s. o.) will einem das Schreiben des Prager Schriftstellers und der über die Jahrzehnte mit zahllosen theologischen, psychologischen und literaturwissenschaftlichen Deutungsansätzen beschwerte Roman auch wieder nicht erscheinen. Das ist die Krux an Nunes‘ Deutung - und das frappierend Schlüssige. Am Ende schälen sich die Schauspieler aus den Kostümen, stehen da in ihrer natürlichen Gestalt, alle gleich, alle Menschen, alle unterwegs? Bis Mirco Kreibich ihnen als ewiger Wanderer wütend entgegentrotzt: „Ich bleibe hier. Ich gehe nicht mehr weg.“ So weit hat es K. nicht geschafft.

Thalia Theater Hamburg. 10., 11., 29. Juni, 12. Juli. Kartentel. 040/32814444, www.thalia-theater.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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