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Wo die Erinnerung bleibt

Polnisches Theater Wo die Erinnerung bleibt

Die Bühne ist ein Chaos: Geöffnete Kartons samt verstreutem Inhalt türmen sich im Wohnzimmer von Frank und Belinda. Wie explodiert liegen die Schachteln da, herausgerissen aus dem wandhohen Regal, das so gähnend leer ist wie der Erinnerungsspeicher im Gehirn des Hausherrn, der in Kaj Nissens Boston mit den Tücken einer fortschreitenden Demenzerkrankung kämpft.

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Der an Demenz leidende Frank (Tadeusz Galia) und seine Belinda (Jutta Ziemke) haben erst spät als Paar zusammengefunden. Angesichts der Krankheit driftet ihre Beziehung nun in die Sprachlosigkeit ab.

Quelle: Foto: Polnisches Theater

Kiel. Tadeusz Galia und Jutta Ziemke geben im Polnischen Theater das mit dem Schicksal hadernde Paar, das sich erst spät gefunden hat und dem die Krankheit jede Hoffnung auf eine glückliche gemeinsame Zukunft nimmt. Ein dissonanter, sägender Klangbrei spiegelt das quälende Durcheinander im Hirn des Protagonisten, der allmorgendlich seine verloren gegangene Erinnerung in den Kartons zu finden sucht. Halb verborgen hinter einem Fadenvorhang, der gleichermaßen enthüllt und verschleiert, sitzt er im Rollstuhl und hält sich verzweifelt den Kopf, in dem alles aus den Fugen geraten ist.

 Ein starkes Bild, das ohne Worte auskommt, leitet Galias Inszenierung ein, die diese eindringliche Dichte indes nicht über die Distanz zu halten vermag. Zu oft erschöpft sich der Dialog des Paares, das da um letzte Inseln gemeinsamer Erinnerung ringt, in vielsagenden Andeutungen – die Worte gehen ins Leere, irrlichternd zwischen Franks krausen Gedankenschnipseln und den leisen, monologisch anmutenden Einwürfen Belindas, die mit hilflosen Vorwürfen und halbherzigen Ermutigungen genauso aufwartet wie mit einem unbewältigten Trauma. Wie zu sich selbst spricht sie von einem gewalttätigen Ex-Mann, von ihrer Angst, er könne Frank etwas antun, und davon, wie „sauer“ sie auf das Schicksal ist. Derweil räumt sie mechanisch die Gegenstände in die Kartons und die Kartons in das Regal, das am Ende vollgestopft ist mit einer Ordnung, die nur vordergründig sein kann.

 Frank ist dieser erloschenen „Bella Belinda“ ein vergleichsweise schillernder Widerpart, ein kauziger Alter, dem der Blick auf das Große Ganze abhanden gekommen ist. Zwischen kindlicher Freude und tiefer Verunsicherung, zwischen unsinnigen Zahlenspielen und dem Tick, jeden noch so kleinen Gedanken schriftlich festzuhalten, versucht Galia, Einblicke in das Dilemma der schleichenden Krankheit zu geben. Beinahe schelmisch spielt sein Frank mit der Krux des ständigen Vergessens und wenn Erinnerungsfetzen an eine erste Liebe aufblitzen, ist nicht klar, ob die Lücken in der Rückschau Ausdruck der Krankheit oder ein rücksichtsvoll-charmantes Weglassen von Fakten sind.

 So wechseln leichte Momente mit schweren – eigentlich ein guter Rhythmus, doch dem Schweren fehlt die Kraft. Und so hinterlässt auch das furiose Ende, das dem Publikum im ausverkauften Zimmertheater ein extremes Wechselbad der Gefühle bescheren könnte, nicht den erhofften Eindruck. Freundlicher Applaus.

www.polnisches-theater.de

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