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Festival Unmarked-Space auf der Lotseninsel

Kappeln Festival Unmarked-Space auf der Lotseninsel

Die Kunst steht am Wegesrand, aber erschließt sich erst mit der Zeit. Gleich nach der Ankunft auf der Lotseninsel schlendern die Passagiere der „Stadt Kappeln“ zum Leuchtturm. Auf der Mauer der Mole stehen schon gut 20 Leute und blicken am Bilderbuchsommerabend auf die Ostsee. Doch beim Flanieren fällt auf: Diese Touristen bewegen sich nicht, sondern sind lebende Skulpturen. Teilnehmer des  Kunstfestivals Unmarked-Space haben sich so inszeniert.

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Mit der langen 20-Minuten-Performance führen die Akteure die Besucher ans Festivalthema heran. Denn das hat bei der sechsten Auflage des Festivals auf der zu Kappeln gehörenden Insel eine lange Vorgeschichte. „Gilgamesh“ heißt es.

Quelle: Rainer Krüger

Kappeln. Sobald die Installation bewusst wird, gibt es dann doch Bewegung. Vom Leuchtturm gehen die Künstler in Etappen zum Veranstaltungszelt am Strand. Als alle dort sind, gibt Organisator Timo von Kriegstein die Bewegungen wieder frei.

Mit der langen 20-Minuten-Performance führen die Akteure die Besucher ans Festivalthema heran. Denn das hat bei der sechsten Auflage des Festivals auf der zu Kappeln gehörenden Insel eine lange Vorgeschichte. „Gilgamesh“ heißt es. „Es ist die Geschichte von König Gilgamesh von der Stadt Uruk in Mesopotamien. Dort war es 4000 v. Chr. möglich geworden, Getreidesorten zu ernten, weswegen sich die Menschen dort ansiedelten“, steht es im Programm.

Vom auf Tontafeln überlieferten Gilgamesh-Epos haben sich die 50 Künstler vom 1. August an inspirieren lassen. Dankbarerweise liest Schauspieler Edgar M. Bölke wie an den Tagen zuvor aus dem Text. So erschließt sich das mythische Geschehen um Gilgamesh, der die Stadtmauer Uruks baut. Seine Heldentaten erzürnen die Götter, die deshalb seinen Freund Enkidu sterben lassen  Trauend begibt sich Gilgamesh auf die Suche nach dem Sinn des Lebens und versucht der Sterblichkeit zu entrinnen. Eine Stunde liest Bölke im zur Ostsee offenen Zelt über Ereignisse von Stadtbau bis Sintflut.

Die Kunst steht am Wegesrand, aber erschließt sich erst mit der Zeit. Gleich nach der Ankunft auf der Lotseninsel schlendern die Passagiere der „Stadt Kappeln“ zum Leuchtturm. Auf der Mauer der Mole stehen schon gut 20 Leute und blicken am Bilderbuchsommerabend auf die Ostsee. Doch beim Flanieren fällt auf: Diese Touristen bewegen sich nicht, sondern sind lebende Skulpturen. Teilnehmer des  Kunstfestivals Unmarked-Space haben sich so inszeniert. Sobald die Installation bewusst wird, gibt es dann doch Bewegung. Vom Leuchtturm gehen die Künstler in Etappen zum Veranstaltungszelt am Strand. Als alle dort sind, gibt Organisator Timo von Kriegstein die Bewegungen wieder frei.

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„Wir stoßen auf die 5000 Jahre alten Geschichten an mehreren Punkten in der aktuellen weltpolitischen Gemengelage“, sagt von Kriegstein. Da zeigt sich in der folgenden gilgamesh-theatralen Komposition. Den stärksten Eindruck hinterlässt das Eingehen auf das Sintflut-Motiv. Dieser Klimawandel des Mythen wird auf heute bezogen – also auf die durch den Klimawandel ausgelöste Flucht von Afrikanern über das Mittelmeer nach Europa. Schwimmt bei einsetzender Dämmerung eine Gestalt aufs Zelt zu, die sich schließlich als Schiffbrüchige (Silja von Kriegstein) entpuppt. Endlich an den Strand gekrochen, erhebt sie sich dann mit Gilgamesh-Zitaten und schreitet dann zum Aufbruch ins Neuland. Deutungshoheit für die Szene erhebt dabei niemand. Ohnehin geht es dem Unmarked-Space-Ensemble auch darum, die vitalen Aspekte des Epos von Leben und Tod herauszustellen. So zum Beispiel bei den Liedern der Band MC Natasha. In einer schnellen Klezmer-Nummer stimmen die Frontperformer Franzika Krol und Anton Berman ganz ohne viel Hintersinn die Forderung „Give me an american bubblegum“ mit Hubba-Bubba-Refrain an. Zum Ende der zweistündigen Präsentation erweist Bölke dann Gilgamesh nochmals Referenz. Denn der lebe weiter, so lange seine Geschichte erzählt werde.       

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