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Zwischen Klamauk und Horror

"Tartare Noir" in Hamburg Zwischen Klamauk und Horror

Es wird geschnibbelt, geschlachtet und durch den Wolf gedreht zur Spielzeiteröffnung im Schauspielhaus Hamburg. "Tartare Noir" heißt das schwarzhumorige Bühnenstück, das Intendantin Karin Beier aus Motiven des englischen "Schundschreibers" Thomas Peckett Prest (1810-1859) destilliert hat.

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Yorck Dippe in "Tartare Noir".

Quelle: Christian Charisius, dpa

Hamburg. Bis in den Bühnenhimmel ragt eindrucksvoll der Schachtelbau von Ausstatter Johannes Schütz, irgendwo zwischen Bauruine und Architektur-Avantgarde, Setzkasten und Legebatterie. Es geht um Kannibalismus und die Verrohung der Menschheit, um Arm und Reich und namenlose Gier. Und spätestens als Eddie auftaucht, der neue Mieter, erhärtet sich der Verdacht, dass hier eine ganz besondere Ware über den Tresen geht. Übrigens macht Beiers Stück auch spätestens jetzt am Stoff des französischen Kino-Gruselmärchens "Delicatessen" (1991) fest. Auch hier macht sich der Neue (Lars Rudolph) mit handwerklichem Geschick beliebt; auch hier verliebt sich eine (Angelika Richter) aus dem Haus in das Opfer.

Rundherum hat Beier eine dubios schrille Hausgemeinschaft versammelt, vor sich hin kauderwelschend, getrieben von einer seltsam namenlosen Gier. Die steht Schlange beim Schlachter (Ernst Stötzner), der den Mob mit Fleischerbeil und frischer Ware im Zaum hält. Und der Appetit auf Fleisch kann einem da schon vergehen, wie die Kundschaft gierig wie Raubtiere die Zähne in glänzende Fleischlappen schlägt. Oder wie sich Kate Strong auf der Suche nach Beißbarem vom Rollstuhl in den Automaten am Bühnenrand hineinwuchtet oder wie Michael Wittenborn im Brabbelbrei aufgeht.

Viel Lärm um nichts

Eine chaotische Sause mit Planschbad und Rollstuhlwettrennen zettelt die Regisseurin, die über weite Strecken sprachlos bleibt - die Sprache ist den Figuren längst zum tierischen Geräusch zusammengeschnurrt. Die Botschaft ist klar, und wenn dann doch mal Text kommt, dann hat er nicht viel mehr zu sagen als die trotz spielfreudiger Akteure zügig leerlaufende Kalauer- und Sketchsammlung irgendwo zwischen Horror-Groteske, Gesellschaftskritik und Grand Guignol. In den guten Momenten blitzt der anarchisch sinnfreie Humor von Monty Python durch, am Ende aber bleibt vor allem das eine Gefühl: Viel Lärm um nichts.

Schauspielhaus Hamburg. 22. 9., 8., 14., 31. 10. Kartentel 040/248713, www.schauspielhaus.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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