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Adagio-Magie und Fieberkurven

Konzertreihe Eckernförde Adagio-Magie und Fieberkurven

Man(n) könnte leicht auf die Idee kommen, dass die Ohren gar nicht gebraucht werden, wenn die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili auftritt. Und die 28-Jährige tut in Garderobe und Gehabe viel, um dieses bei heutigen PR-Strategen so beliebte Bild zu bedienen. Aber es gibt eben auch rein künstlerisch betrachtet sehr gute Gründe dafür, warum die Musikerin im Umfeld so anspruchsvoller Größen wie Martha Argerich und Gidon Kremer auftaucht – und nun die nach wie vor feine Konzertreihe Eckernförde schmückte.

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Khatia Buniatishvili mit der Kremerata Baltica in der Stadthalle Eckernförde.

Quelle: Christian Strehk

Eckernförde. Buniatishvili begeisterte mit maximaler Anschlagsdifferenzierung – vom Windspiel-Hauch bis zum metallisch klirrenden Glockenschlag – und hochkonzentrierter Spannungsverdichtung der kleinen Klangsplitter im Valse Boston ihres Landsmanns Giya Kancheli. Eingebettet in das Sirren und Raunen des sensiblen Streichorchesters fesselte sie mit den Erinnerungsfetzen an Schönes und Bedrohliches.

 In Joseph Haydns Klavierkonzert D-Dur schaltete die Pianistin dann am hochwertigen nordostitalienischen Fazioli-Flügel auf einen glasperlenden, am historischen Hammerklavier orientierten Ton um. Flott und gewitzt klangen die Rahmensätze. Mit gefühlvoll ausgesungener Klangrede wurde aber gerade auch der langsame Mittelsatz zum lohnenden Exkurs in Haydns gar nicht so betulich altväterliche, sondern beinahe prophetisch romantische Gedankenwelt. Da schaffen nur wenige Kollegen so viel Adagio-Magie.

 Vor der Pause hatte die Kremerata mit Martynas Stakionis einen litauischen Senkrechtstarter am Pult schalten und walten lassen, der bei Kiels ehemaligem GMD Ulrich Windfuhr in Hamburg studiert. Mit den baltischen Musikern erkundete er geschickt die extremen Fieberkurven in Beethovens wohl emotionalstem Streichquartett f-Moll op. 95. Sogar noch interessanter als Gustav Mahlers Bearbeitung war Olli Mustonens postmodernes zweites Nonett. Wie der höchst eigensinnige finnische Pianist und Komponist da frei von Plagiatsängsten unüberhörbar auf Schuberts berühmtes C-Dur-Quintett oder Richard Strauss’ Capriccio-Sextett zurückblendet oder das Finale à la Tschaikowsky abschnurren lässt, entwickelte bezwingenden Charme.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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