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Zwischen Aufbruch und Not

Kieler Ausstellungsprojekt zu Künstlern der Kaiserzeit Zwischen Aufbruch und Not

Mit einem großen Wurf zur regionalen Kunstgeschichte klingt das Ausstellungsjahr von Landesbibliothek und Kieler Stadtmuseum in diesem Jahr aus. Nach der Präsentation von Ulrich Schulte-Wülwers Publikation zu Kieler Künstlern der Kaiserzeit folgen nun sehenswerte Ausstellungen an drei Orten. Sie lassen der Materialfülle des Buches nun die Begegnung mit dem Original folgen.

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Ulrich Schulte-Wülwer in der materialreichen Schau in der Landesbibliothek, die Porträts, Architekturbilder, Historien- und Genremalerei versammelt.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Zu sehen sind weit über 100 Gemälde, Kleinplastiken, Handzeichnungen und Grafik. Wenn am Sonntag in der Landesbibliothek Eröffnung gefeiert wird, macht schon die Rednerliste deutlich, dass dieses Projekt Ergebnis einer lohnenden gemeinsamen Anstrengung war, an der auch die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte wichtigen Anteil hat.

 Ulrich Schulte-Wülwer, ehemaliger Direktor des Flensburger Museumsbergs, beweist als Kenner der hiesigen Kunstgeschichte beim Rundgang durch die Landesbibliothek, mit welcher Leidenschaft er für sein Thema brennt. Die Ausstellung, die er mit Hausherr Jens Ahlers kuratiert hat, blättert mit Porträts das biografische Kapitel der Kaiserzeit (1871-1918) auf. Protagonisten wie der „zugereiste“ Historienmaler Anton von Werner, Hans Olde von Gut Seekamp oder die Bildhauer Eduard Lürssen und Heinrich Mißfeldt gaben den Ton, aber Ahlers und Schulte-Wülwer machen in der Schau mit zahlreichen unbekannteren Namen bekannt und rücken neben den materiellen Nöten vieler Künstler auch die undankbare Rolle der Künstlerinnen ins Blickfeld.

 Zeiten im Umbruch: Über fünf Jahrhunderte hatte Schleswig-Holstein unter dänischer Oberherrschaft gestanden. Ab 1773 waren beide Herzogtümer gänzlich Teil des dänischen Gesamtstaats. Mit der Ruhe des Nordens und der kulturellen Blütezeit sei es vorbei gewesen, sagt Schulte-Wülwer, als sich in der Folge der Napoleonischen Kriege nun auch Deutsche und Dänen nationalpolitisch aufstellten. Die Mehrheit habe zwar weiterhin auf das Herzogtum gehofft, aber gefallen sei die Entscheidung für das Land am Ende auf den Düppeler Schlachtfeldern. Schleswig-Holstein wurde preußische Provinz. Die Ernennung Kiels zum Reichskriegshafen 1871 ließ die Stadt rasant wachsen. Dass die Künstler kaum von militaristischem Expansionsdrang profitierten, überrascht nicht. Waren sie doch zerrissen, hatten in Kopenhagen studiert und mussten sich nun für die deutsche oder dänische Seite entscheiden. Viele litten bald existentielle Not, denn im Militär- und Obrigkeitsstaat galten Künstler wenig, wenn sie nicht „Günstlinge des Kaisers“ waren, wie Schulte-Wülwer es formuliert. All das klingt in der Landesbibliothek an, die ihre Exponate wie das Stadtmuseum zur Hälfte aus eigenem Bestand rekrutieren konnte. Private Leihgaben und Werke aus den Museen zwischen Flensburg, Husum und der Kieler Kunsthalle komplettieren das Bild.

 Der frische Wind der anbrechenden Moderne weht im Warleberger Hof, wo Doris Tillmann mit ihrem Team die Freilichtmalerei mit sehenswerten wie qualitätvollen Gemälden ins rechte Licht gerückt hat. Beide Häuser haben gut daran getan, ihren Präsentationen jeweils sehr eigenes Profil zu verleihen. Anders als die im akademischen Fahrwasser schwimmenden Porträtmaler, die Details wie Goldknöpfe zum Glänzen bringen sollten, wie Schulte-Wülwer es ironisch pointiert, hatten die avantgardistischen Landschaftsmaler es in der Kaiserzeit am schwersten. Sie trug kein Markt, ihr Freiheitsdrang provozierte. Geschult am französischen Impressionismus und an der aufkommenden Freilichtmalerei ist es vor allem der alles überstrahlende Hans Olde, dessen lichtflirrende Landschaften stets auf Neue ihre Qualität behaupten.

www.kiel-museum.de 

www.shlb.de

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