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Kieler Kulturpreis für Schwichtenberg

Auszeichnung Kieler Kulturpreis für Schwichtenberg

Kommunikationsdesigner, Künstler und engagierter Streiter: Die Stadt Kiel ehrt mit dem Kulturpreisträger Bernhard Schwichtenberg einen Mann, der nicht nur für die Muthesius Kunsthochschule eine Instanz war. Am Sonntag wird ihm im Rathaus der Preis verliehen, den er sich mit der Direktorin des Thespis-Festivals, Jolanta Sutowicz, teilt.

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Mehr Licht: Bernhard Schwichtenberg in seinem neuen Atelier.

Quelle: Peter

Kiel. Der gemähte Rasen und die grob gestutzte Hecke vor dem mangogelben Haus in Friedrichsort mit der Hortensienkante unter den Fenstern passt ins Bild der bürgerlichen Nachbarschaft. „Bin im Atelier“, sagt das Schild mit dem Pfeil, der ans Ende des langgestrecken Grundstücks weist. Schon steht man staunend in einem völlig anderen Kosmos. Ein zweigeschossiger Atelieranbau öffnet sich in den Garten. Als Querriegel stellt sich eine licht weiße Kiste in Containergröße und Oberlicht in den Weg. Und bildet einen beschaulichen Innenhof, wo das Gras je nach Laune in Schach gehalten wird. Bernhard Schwichtenberg braucht keine lange Aufwärmphase, um zu flachsen. „Meine beiden Töchter haben gewettet, wie lange es dauern würde, bis man den Fußboden im neuen Zweitatelier nicht mehr sehen kann. Die jüngere hat gewonnen, sie meinte, es würde kein Jahr dauern.“ Der Blick schweift hinüber zur Doppelgarage: „Da hat noch nie ein Auto gestanden“, sagt Schwichtenberg ganz unbekümmert. Stattdessen ist sie randvoll mit Kartons plattgefahrener Dosen aus aller Welt. Eigentlich Rohstoff für seine Werkgruppe Plattitüden. „Alles Schrott“, sagt Schwichtenberg.

Im neuen Atelier mit den Fenstern bis zum Boden ist immerhin noch Platz für einen langen Tisch, wo sich der digitale Schwichtenberg verortet. Rechts eine Bohrmaschine, denn Schwichtenberg ist ein Bastler, ein Handwerker, der wie Jean Tinguely Mechanik in Gang setzt, Zahnräder schnurren lässt, in irrwitzigen Objektkästen Glockenspiele klingen lässt oder eine fellige Wollmilchsau im Aquarium ihre grotesken Runden um Wachteleier drehen lässt. „Ja, ich bin eben ein Spieler, ein Homo ludens“, sagt Schwichtenberg. Und einer, der nicht selten erst um halb vier ins Bett findet. „Nein, lieber kein Sessel im Atelier, auf dem Schreibtischstuhl bleibe ich einfach länger wach.“

Das Atelierhaus tickt analog: Der erste Sinneseindruck, ist dieser ganz besondere Papierduft, den man von Antiquariaten kennt. Stapel überall, etliche hüfthoch: Bücher, Ausstellungskataloge, Bildbände und Handarchive in sovielen Ecken, dass Raumgefühl gar nicht erst entsteht. Aus vielen Unterlagen schauen Papierzungen heraus, die darüber Auskunft geben, was dort verhandelt wird. Vorstandsaufgaben, meist ehrenamtlich, mit hohem Papierausstoß haben Schwichtenberg jahrelang geradezu magisch angezogen. „Wenn ich irgendwo bin, hab’ ich gleich ein Amt“, witzelt er. So würdigt der Kieler Kulturpreis nicht nur den Hochschullehrer, der über drei Jahrzehnte lang als Professor für Grafik-Design 3D eine Muthesius-Instanz war. Gleichermaßen honoriert die Stadt auch Schwichtenbergs kulturpolitisches Engagement und seine Arbeit als Kulturfunktionär. Vier Wahlperioden lang, von 1993 bis 2005, vertrat er als Sprecher des BBK-Schleswig-Holstein die Interessen der Künstler im Lande. Mischte sich ein, nahm auch politisch Partei für die SPD. „Kein Schönwetter-Demokrat“, gratulierte Klaus Staeck zum 70. Geburtstag vor drei Jahren.

Aber über all das, über sein großes Netzwerk, will er gar nicht sprechen. Viel lieber führt er durch sein Universum, das alles zugleich ist und noch viel mehr: Kuriositätenkabinett, Galerie, Privatmuseum, Materiallager, unerschöpflicher Geschichtenfundus. Da ist eine Vitrine, wo lauter handlich große Kölner Dome durcheinander gepurzelt sind. „Die kaufe ich immer, wenn ich da bin“, sagt Schwichtenberg und setzt sich eine seiner blödsinnigen Nickelbrillen auf. Dieses kölsche Exemplar lässt den Dom im roten LED-Lichtgewitter flammen. Das flapsige, selbstironische Temperament, die sprichwörtliche Fröhlichkeit und seine Bindung zum katholischen Glauben rheinischer Prägung sind Konstanten in seinem Leben geblieben.

Die bildnerische Grundlage hat der Kunstlehrer am Gymnasium gelegt, der ihn förderte. Lange Zeit hatte Schwichtenberg mit der Keramik geliebäugelt. Gefäße und Kummen auf den Fenstersimsen bezeugen diese Neigung. Allesamt aus der Werkstatt von Johannes Gebhardt an der Muthesiusschule. Dass es anders kam, lag wohl auch am Ingenieurberuf des Vaters, den auch der Bruder ergriff. Der Vater redete ihm das Kunststudium nicht aus, sondern riet, das, was in der Vorstellungskraft schon Gestalt angenommen hatte, doch erst einmal zu zeichnen. Bald nachdem die Familie von Köln nach Kiel zog, schrieb sich Schwichtenberg an der Muthesius Werkkunstschule ein. Sein Professor, Hermann Bentele, dessen Name für alte Muthesianer noch einen Klang hat, wollte Schwichtenberg nach dem Studium halten. Doch den drängte es in die freie Wirtschaft. Er versorgte die Stadt Kiel und Olympia mit gestalterischen Konzepten, willigte aber gleichzeitig ein, der Muschule als Lehrbeauftagter verbunden zu bleiben. „Dann wurde eine Professur draus“, sagt Schwichtenberg. Seine Emeritierung 2004 hat seinen künstlerischen Output eher beflügelt. 73 Jahre? „Im Moment peile ich 85 an, aber ich kann aufstocken“, sagt er, und schiebt die Mütze zurück.

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