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Kunsthalle startet Provenienzforschung

Kiel Kunsthalle startet Provenienzforschung

Die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste macht auch für Kiel den Weg frei für die langfristige Recherche. Die Kunsthalle hat ihre Vollzeitstelle für Provenienzforschung jetzt mit dem 34-jährigen Kai Hohenfeld besetzt.

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Zunächst stehen Gemälde und Skulpturen der Kunsthalle im Fokus: Kai Hohenfeld sichtet archivierte Briefwechsel.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Der promovierte Kunsthistoriker aus Dortmund hat im Mai seine Arbeit aufgenommen. Direktorin Anette Hüsch freut sich, dass sich neben der Stiftung Gottorf und dem Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung in Lübeck jetzt auch ihr Haus die Möglichkeit zur Erforschung der Bestände erhält. Befristet ist die vom Bund finanzierte Stelle auf ein Jahr – mit realistischer Option auf Verlängerung.

Der graue Leitz-Ordner, den Kai Hohenfeld im Studiensaal der Graphischen Sammlung einen kurzen Moment lang öffnet, enthält Korrespondenzen. Fast alle maschinegeschrieben. Von 1920 bis heute sind die Briefwechsel zwischen der Kunsthalle, Kunsthändlern und Sammlern wohlgeordnet dokumentiert. „Hier fehlt tatsächlich selten etwas“, sagt Hohenfeld. Vor allem um mögliche Ankäufe gehe es in den Schreiben. Manchmal finden sich Hinweise, die Aufschluss über Vorbesitzer geben und darüber, aus welchen Städten und Ländern die Bilder und Skulpturen stammen. Selten wird man direkt fündig, sagt der Kunsthistoriker, der sich während seines Volontariats an der Bremer Kunsthalle durch die Mitarbeit an einer Ausstellung über den Kunsthändler Alfred Flechtheim „das Handwerkszeug“ für die Provenienzforschung angeeignet hat. Man hat Archiv-Netzwerke, tauscht sich in Tagungen aus und konsultiert immer wieder die erfahrenen Kollegen im Haus. „Ich bin ja kein Alien“, sagt er, „das hier eingebrochen ist, um die Sammlung auseinander zu pflücken.“

Muss man sich ihn mit der Lupe vorstellen, so ein bisschen wie Sherlock Holmes? Hohenfeld lächelt konziliant. Ja, eine kriminologische, detektivische Arbeit sei es schon, sagt er. Und die in Krimis geläufige Formulierung, „man gehe jedem Hinweis nach“ macht er sich mit seinen Recherchen grundsätzlich zu eigen. Nur Prioritäten, die gibt es für ihn nicht: „Wir machen in der Forschung keinen Unterschied zwischen einer Skizze und einem eher unauffälligen Stück, das in einer Auktion Millionen bringen könnte“, sagt der Kunsthistoriker. Aber die Lupe, die braucht er tatsächlich. Aufschlussreich seien nämlich besonders die Gemälde-Rückseiten. Da verraten Stempel oder Aufkleber, die teilweise mehrfach überklebt worden seien, durch welche Hände das Bild gegangen sei.

Im Zentrum stehe die lückenlose Klärung der Frage, ob sich im Bestand der Kunsthalle NS-Raubkunst, also verfolgungsbedingt entzogene Kunst befinde, unterstreicht Anette Hüsch. „Wir werden zunächst die Bereiche Gemälde und Skulptur untersuchen, im zweiten Schritt folgt dann der Bestand der Graphischen Sammlung. Untersucht werden alle Werke, die vor 1945 entstanden und nach 1933 angekauft worden sind. Hohenfeld: „Wir suchen in der Sammlung nach Kunstwerken, die während der Zeit des Nationalsozialismus ihren rechtmäßigen Eigentümern entzogen wurden: beispielsweise durch Beschlagnahmung oder durch Verkauf unter Zwang.“

Natürlich liege in der Herkunftsforschung eine Ambivalenz, sagt Hüsch. Man sei schließlich nicht davor gefeit, vielleicht sogar ein Schlüsselwerk zu verlieren. Aber man stehe in der moralischen Verantwortung. Das sieht auch Annette Weisner so, die gemeinsam mit Peter Thurmann die Vorarbeit für die Antragsstellung geleistet hat. Die sei deshalb unabdingbar, weil der junge Kollege ja nicht bei Null beginnen könne. Weisner verweist zudem auf die Washingtoner Erklärung von 1999, dessen Richtlinien für die Museen bindend seien. Als Pflichterfüllung wird die Provenienzforschung in der Kunsthalle deshalb aber keineswegs angesehen. „Im Gegenteil, sie lässt unsere eigene Geschichte lebendig werden“, sagt Anette Hüsch und hofft auf ein „reiches Tableau an Erkenntnissen über die eigene Sammlung, die auch den Besuchern in Vorträgen und Gesprächsrunden und natürlich durch Publikationen vermittelt werden soll.

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