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Von Bildern und Lebenszeit

Kieler Kunsthalle: Peter Thurmann verabschiedet sich in den Ruhestand Von Bildern und Lebenszeit

Er ist in 27 Jahren zum Gedächtnis der Kieler Kunsthalle geworden. Jetzt geht Peter Thurmann als Sammlungsleiter in den Ruhestand. Mit Führungen und Vorträgen bleibt er dem Haus aber auch künftig verbunden.

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Peter Thurmann vor einem Gemälde von Wilhelm Morgner in seiner Abschiedsausstellung „Gott und die Welt“.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Das Brummen der Lüftung bildet einen beruhigenden Grundton für das Gespräch mit Peter Thurmann. Tief unten im Magazin der Kieler Kunsthalle wird ein Gemälde aus dem Hängeregal in Sichtweite geschoben. Eine friedliche sommerliche Flussidylle, Wolken und Bäume spiegeln sich im Wasser. Eigentlich ein Zufall, dass An der Oka, das Landschaftsbild des russischen Malers Konstantin Kryshitzkij, gerade nicht in der ständigen Sammlung hängt. Peter Thurmann schätzt es besonders, denn das Bild des Petersburger Malers hat ihn während seiner Zeit als Kurator und Sammlungsleiter der Kunsthalle begleitet. Nicht zuviel gesagt, dass es in den 27 Jahren wie ein treuer Freund für den Kunsthistoriker war, der am heutigen Freitag in den Ruhestand verabschiedet wird.

 „Das Bild hat sich immer wieder gemeldet“, sagt Peter Thurmann mit Blick auf die Flusslandschaft, die der Maler aus erhöhter Position im Hochformat so meisterhaft ins Bild gesetzt hat. „Es hat eine eigenartige Faszination, und viele Male, wenn wir unsere Sammlung neu gehängt haben und uns einfach etwas fehlte in der Nachbarschaft, in einem Raum, an einer farbigen Wand, dann haben wir es aus dem Depot geholt, und es hat gepasst.“

 Erworben hatte das 1894 entstandene Gemälde mit Jens Christian Jensen jener Direktor, bei dem Peter Thurmann nach seinem Volontariat in der Hamburger Kunsthalle im September 1989 die erste Stelle antrat. In den folgenden Jahrzehnten hat er sie alle erlebt, Hans-Werner Schmidt und Dirk Luckow, nach dessen Wechsel an die Deichtorhallen Peter Thurmann die Kunsthalle selbst kommissarisch leitete. Mit Anette Hüsch schließlich die erste Frau an der Spitze des Museums. Wenn Thurmann über die „Ehemaligen“ spricht, dann scheint jeder von ihnen in der Erinnerung sein eigenes Charisma, seinen unverzichtbaren Stellenwert für das Haus zu besitzen. Angefangen mit Jens Christian Jensen, dem Grandseigneur, der es einfach verstanden habe, der Sammlung ihr Gesicht zu geben. 1200 Gemälde und 300 Skulpturen zählt der Bestand heute. Ihre Stärken sieht Thurmann bei den eingangs erwähnten Russen, beim Expressionismus mit stolzem Rohlfs-Bestand, bei der Kunst nach 1945, Informel, Konkrete, Realisten sind gut vertreten, die Künstlergruppen Cobra und Spur. Und was fehlt? „Kein Caspar David Friedrich, keine französischen Impressionisten, kein Picasso, aber subjektiv sehen wir das dennoch nicht als Mangel.“

 Die Stationen: Abitur im westfälischen Soest, Zivildienst, Studium in Bochum, Promotion über ein spätmittelalterliches Thema und das anschließende Museumsvolontariat bei Werner Hofmann an der Hamburger Kunsthalle. Weil die aufwendige Ausstellung Europa 1789 zum Jubiläum der Französischen Revolution anstand, durfte Thurmann ein weiteres Jahr bis 1989 bleiben. Endlich kam er damals dazu, den Norden zu inspizieren. Beim Besuch in Kiel und der Kunsthalle „kreuzten“ Jens Christian Jensen und Werkstattleiter Herr Stahl die Wege des zufälligen Hamburg-Gastes. Der damals als Zaungast nicht ahnen konnte, dass er wenig später selbst zum wissenschaftlichen Team des Direktors gehören würde. An keiner Stelle klingt an, dass er diese Entscheidung für Kiel irgendwann bereut hätte, im Gegenteil, er mag ihn liebend gern für sich gelten lassen, den arg strapazierten Begriff des „Traumberufs“.

 Als er als junger Kurator an die Kieler Kunsthalle kam, waren es im Ausstellungsbetrieb die Studioformate mit Gegenwartskünstlern, die er als Nachfolger von Ulrich Bischoff betreute. Das lag ihm, und er bringt Ausstellungen und Namen ins Spiel. Wie er dann die Sammlung richtig kennengelernt hat, schildert Peter Thurmann mit dem ihm eigenen selbstironischen, uneitlen Tonfall: „Alle anderen waren neu, ich hatte eben als einziger den Ansatz von einem Überblick“. Der wurde zur Kennerschaft, als Thurmann 1993 die Ausstellung zum 150-jährigen Bestehen des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins vorbereitete und die entlegensten Winkel des Magazins kennenlernte. 2004 wurde ihm dann die Leitung der Sammlung übertragen.

 Wie es eigentlich angefangen hat mit der Kunst? Elternhaus, Lehrer? „Beides wohl“, sagt Thurmann, aber da sei noch etwas, das ihn geschult habe: „Als Junge habe ich Kunstpostkarten gesammelt, gern auch die ausgemusterten für zehn Pfennig.“ Auf zwei Seiten seines Albums hätten Ballettmädchen von Edgar Degas gesteckt, die habe er später als junger Kunsthistoriker im Pariser Musée d’Orsay im Original gesehen: das eine großes Gemälde, das andere kleinformatiges Pastell – Kunst im Postkartenformat, das ist eben nur die halbe Wahrheit.

 Die Kunst wird Peter Thurmann weiter beschäftigen. Anette Hüsch freut sich als Direktorin, dass er dem Haus mit Führungen und Vorträgen verbunden bleibt. „Wir werden ihn vermissen, als Gedächtnis des Hauses. Er hat im Museum eine zentrale Position besetzt, Kiel hat ihm wichtige Ausstellungen wie Sterne fallen und die aktuelle Schau Gott und die Welt zu verdanken.“ Und wer folgt? Mitte Januar soll die Stelle wieder besetzt sein. „Aber gut zu wissen“, sagt Anette Hüsch, „dass Peter Thurmann in unserer Nähe bleibt.“

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