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Hommage an die Bratsche

Kieler Philharmoniker Hommage an die Bratsche

Kiels Kulturpreisträger Cristóbal Halffter sitzt, eigens aus Madrid angereist, im Opernhaus der Landeshauptstadt und freut sich sichtlich auf die Orchesterprobe am Abend. „Da werde ich erstmals mein neues Bratschenkonzert hören. Das ist immer ein ganz besonderer Moment.“

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Wacher Geist mit neuen Werken im Gepäck: Der spanische Komponist Cristóbal Halffter gestern im Kieler Opernhaus.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Der 85-jährige Kulturpreisträger der Landeshauptstadt ist noch ein bisschen angeschlagen. „Mit einem achtjährigen Enkel Fußball zu spielen, kann sehr gefährlich sein“, sagt er lachend mit erhobenem Zeigefinger. Der Elfmeter sei bedauerlicherweise drin und das Becken des würdigen Torwarts gebrochen gewesen. Die drei Monate im Bett hat der wache Geist, Spaniens Grandsigneur der Kompositionskunst, mit dem Schreiben eines Buches überbrückt. „Man muss wach bleiben in solchen Phasen.“ Jetzt sitzt er, ganz allein aus Madrid angereist, im Büro des Kieler Generalintendanten Karasek und freut sich sichtlich auf die Orchesterprobe am Abend. „Da werde ich erstmals mein neues Werk hören. Das ist immer ein ganz besonderer Moment.“

 Als persönlichen Dank an das Theater Kiel für die fruchtbaren Jahre mit seinen in Kiel erst- und uraufgeführten Opern Don Quijote, Lazarus und Schachnovelle hat er ein Bratschenkonzert geschrieben. „Ich habe dafür jenes Viola-Motiv aus der Schachnovelle aufgegriffen, das in der Oper erklingt, wenn Dr. Berger in der Isolationshaft im Hotel festsitzt. Das Cello wäre menschlicher, die Geige lyrischer gewesen. Die Bratsche aber bietet das alles zusammen.“

 Das Konzert, das am Sonntagmorgen uraufgeführt wird, verwandele das sehr dramatische Motiv aus der Oper in Schönheit des Klangs. „Es bleibt spannend, wirkt aber nicht mehr grausam.“ Halffter hat außerdem das orchestrale Umfeld mit besonderer Rolle der Harfe vollkommen neu definiert. „Die Bratsche ist hier so etwas wie die Königin des Stücks – alle anderen müssen ihr gehorchen.“ Am Ende des in einen schnellen („der arme Solist muss viele Noten spielen“) und einen ruhigeren Teil aufgeteilten atonalen Werks zitiert Halffter die Polyphonie des spanischen Renaissancekomponisten Cristóbal des Morales. „Aus einer Zeit, als die Bratsche noch das wichtigste Instrument der Violinfamilie war. Es ist eine Hommage an sie. Ich habe trotz großer Besetzung alles versucht, die Viola gut hörbar zu machen.“

 In Nils Mönkemeyer bekommt Halffter einen besonders prominenten Solisten für sein Werk. Bislang hat er mit ihm aber nur am Telefon Kontakt gehabt. „Ich habe hier wirklich alles: ein gutes Orchester, einen guten Solisten und mit Daniel Carlberg einen guten Dirigenten. Was kann sich ein Komponist Besseres wünschen?“

 Derzeit arbeitet Halffter an einem Streichquartett. Es soll im Geiste des Cervantes-Gedenkjahrs die bemerkenswerte Sammlung von acht Stradivarius-Instrumenten in Szene setzen, die dem spanischen Staat gehören. „Stradivari war Spanier, weil damals Norditalien zu Spanien gehörte.“ Man habe inzwischen auch das Grab von Cervantes gefunden. „Aber es waren nur seine Knochen drin“, schmunzelt Halffter. „Der wirkliche Cervantes steckt ja im Kopf und in den Herzen der Menschen, denn der Tod kann nur das Leben nehmen – ein Mensch aber stirbt nur, wenn man ihn vergisst.“ Und bei der Verabschiedung bleibt Halffter mit seinem wunderbar hintersinnigen Lächeln sitzen: „Auf seinem Grabstein wollte Groucho Marx stehen haben: ’Excuse me, I can’t stand up’“.

 www.musikfreunde-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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