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Hammerschläge und Streicheleinheiten

Kieler Philharmoniker Hammerschläge und Streicheleinheiten

Die Bernstein-Preisträgerin Anna Vinnitskaya hat es nicht weit nach Kiel. In ihrer Wahlheimatstadt Hamburg ist sie Klavier-Professorin an der Musikhochschule. In den Philharmonischen Konzerten begeistert sie jetzt als Solistin von Béla Bartóks schlagkräftigem Ersten Klavierkonzert das Publikum im Kieler Schloss.

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Großartige Bartók-Interpretin: Anna Vinnitskaya

Quelle: Esther Haase

Kiel. Großstadtgetöse, Maschinenrhythmik des Industriezeitalters, aber eben auch mal ein folkloristischer Nachklang von archaisch bäuerlicher Idylle: Béla Bártok treibt den Hörer seines „barbarischen“ Ersten Klavierkonzerts von einem Extrem ins andere. Das war schon 1927, bei der Uraufführung durch den Komponisten am Flügel und den Dirigenten Wilhelm Furtwängler am Pult, eine avantgardistische Steilvorlage – und ist es im Grunde bis heute geblieben.

Dazu passt im siebten Philharmonischen Konzert bestens, dass man die Bernstein-Preisträgerin Anna Vinnitskaya für den maximal perkussiven Solopart als Idealinterpretin einstufen darf. Ihr Spiel mit den Steinway-Hämmern hat enorme Wucht und Farbe, ist reaktionsschnell und präzise.

Die 32-jährige Hamburger Professorin mit russischen Wurzeln am Schwarzen Meer lädt schon den unbändig irrlichternden Kopfsatz entsprechend mit Hochspannung auf. Wunderbar elektrisierend gelingt ihr auch die schön schauerliche Nachtmusik des zweiten Satzes, zumal die geschickt ans Klavier herangerückten Schlagzeuger (Claus Koschnitzke, Torsten Steinhardt, Stefan Ahr) mit der Pauke (Dietmar Kauffmann) und der Klarinette (Ishay Lantner) ein intimes Klangdreieck bilden und eine geheimnisvolle Prozession bedrohlich heran- und wieder davonziehen lassen. Nach so viel Beherrschtheit explodiert Vinnitskaya dann im Finale förmlich vor Temperament. Und trotz einiger kleiner Spätzündungen lässt sich die vom Gastdirigenten Clemens Schuldt gesteuerte Orchestermaschinerie davon wirkungsvoll mitreißen. Für den großen Beifall und etliche Bravo-Rufe im ordentlich besuchten Kieler Schloss dankt die Pianistin verschmitzt mit einem Spieluhr-Mikrokosmos als Zugabe.

Clemens Schuldt, ab Herbst neuer Chefdirigent des Münchner Kammerorchesters im dortigen Prinzregententheater, hat spürbar ein Faible für flüsterleise Momente und feinsensorisch gewebte Klangflächen. Das ist schon in der ansonsten etwas pauschal pastosen Tondichtung Der Fels des jungen Sergej Rachmaninow ein Gewinn, kommt aber vor allem dem Zauber von Igor Strawinskys fabelhafter Feuervogel-Ballettsuite zugute. Ob Introduktion oder Wiegenlied – die Bläsersoli (etwa Pablo Lago Sotos Horn oder Christoph Lindemanns Oboe) schweben ausdrucksstark frei über den Farbnebelbänken. Sogar die technisch herausfordernden knallig brillanten Teile, der Höllentanz und das Finale, entwickeln Strahlkraft, auch wenn hier – in Sachen klirrender Strawinsky-Härte und expressiver Klangmalerei – noch letzte Luft nach oben bleibt. Riesenbeifall, Bravi.

Das Konzert wird am Montag, 18. April, um 20 Uhr im Kieler Schloss wiederholt. Einführung 45 Minuten vor Beginn. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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