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Rappen gegen taubstummes Sein

Kieler Rapper Güvén Guevara Rappen gegen taubstummes Sein

Ein Mann im nebligen Wald schlägt mit einer Axt auf eine Holzkiste ein. Vertraut man der Bildsprache des Musikvideos Taubstumm, ein Gefängnis, in dem er selber sitzt. Starke Bilder findet das Filmteam der Potsdamer Filmhochschule „Konrad Wolf“ für den Rap-Song des Kielers Güvén Guevara.

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Arbeit im Studio des Musiculums: Rapper Güvén Guevara (rechts) mit (von links) Benjamin Holzapfel (Musiculum), Tarek Krohn (RPS) und Arslan Akyüz (Tonstudio Tone Complex).

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Bilder der (Selbst-) Befreiung, die auch junge Flüchtlinge zwischen 15 und 18 Jahren kürzlich bei einem Workshop im Musiculum anregten, Musik zu machen.

„Taubstumm“ wird sich auch mancher der minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge fühlen, die im Hof Hammer noch keine neue Heimat, aber zumindest Schutz vor Verfolgung gefunden haben: Fremdes Land, fremde Sprache. Umso dankbarer nahmen die jungen Menschen, zumeist aus den kurdischen Gebieten des Irak und Syriens, den Workshop an, den die Dozenten Heinz Ratz, Güvén Guevara, Benjamin Holzapfel (Musiculum), Arslan Akyüz, Tillmann Dentler (beide Tonstudio Tone Complex) und Tarek Krohn (Rock & Pop Schule) dieser Tage leiteten. Organisiert wurde das Pilotprojekt, das 2016 fortgesetzt und interkulturell-inklusiv erweitert werden soll, vom ZBBS e.V., Musiculum und RPS mit Unterstützung des Bundesverbandes für Popmusik und der Initiative „Kultur macht stark“ des Bundesministeriums für Forschung und Bildung.

„Wir hatten vor allem Sprachprobleme, mussten manchmal über zwei oder drei ,Stationen’ hin und her übersetzen“, berichtet Güvén, ergänzt aber, dass solche Sprachgrenzen gerade Musik überwinden könne. Drei Lieder, „meist aus der kulturellen Tradition der Teilnehmer“, nahm man im Studio des Musiculums auf. Sie werden ihnen nach Abmischung im Kieler Tonstudio Tone Complex dieser Tage als MP3 zugesandt – Anregung, weiter zu machen. Auch Rap, „den die Jungs in einer globalisierten Welt natürlich von ihren Smartphones her kennen“, spielte dabei eine Rolle.

Wen wundert’s, denn Rap ist Ausdruck der Unterprivilegierten gegen die Mainstream-Kultur der Herrschenden. Güvéns neuestes Video spricht davon Bände: Rappen als Befreiung von der vom kapitalistischen System verordneten „Taubstummheit“. Mitte November erschien sein nunmehr drittes Solo, dessen Che-T-Shirt nicht bloß Dekoration ist. Schon Anfang des Jahres hatte er auf Youtube Erfolg mit seinen Rap-Videos. So auf ihn aufmerksam geworden, boten ihm Kameramann Georg Meyer und die RegisseurInnen Sebastian Koecher und Sarah Knicke, allesamt Studenten der Potsdamer Filmhochschule, an, das Video zu produzieren.

Taubstumme Axt der Poesie

Aus dieser Zusammenarbeit entstand ein bildkräftiger Kurzfilm, der über übliche Musikvideos weit hinausgeht und dem „Newcomer aus dem Norden“ jüngst auch einen Auftritt beim Internet-TV joiz.de verschaffte. Der fließende Perspektivwechsel zwischen einer Frau hinter den Gittern der Kiste und Güvén, der solches Gefängnis zertrümmert, deutet an, wie man das Taubstumm-Sein in einer global kapitalisierten und daher auch für dort schon „Angekommene“ laufend neue „Fluchtgründe“ schaffenden Welt überwinden kann: Nicht unbedingt mit einem Schrei, sondern mit der Axt der Poesie.

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