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Der Wahnsinn in der Kunst

Kieler Schauspiel Der Wahnsinn in der Kunst

Fiktion, Realität, Wahn. Die Übergänge sind fließend. Wo hört die Literatur auf, wo beginnt das Leben? Felix Zimmer, langjähriges Ensemblemitglied im Kieler Schauspiel, hat am Montag seinen Monolog Sehnsucht unter Brotfruchtbäumen uraufgeführt – und das Publikum von der ersten Sekunde an gefesselt.

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„Da gibt es kein Gegenüber, auf das man reagiert.“ Felix Zimmer, Autor und Schauspieler, über das Monodrama.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Mal schüttelten sich die Zuschauer vor Lachen, mal rückten sie mit ihren Stühlen ein kleines bisschen zurück. So ein Ein-Mann-Theater, kann ganz schön intensiv sein – nicht nur für den Mann auf der Bühne.

 Tankred Fink, der Drehbuchautor, der zur Vollendung seines Werkes auf einer Südseeinsel recherchiert, hadert mit der Fertigstellung seines Skripts. Sein Lebenswerk, ein „Blockbuster mit Tiefgang“, soll es werden. Doch seinen Laptop kann er nicht ohne Panik in den Augen anblicken, geschweige denn öffnen. Der Alkohol fließt in Strömen, die Bierflasche in seiner Hand ist seine einzige Konstante. Das Bild des daueralkoholisierten Schriftstellers, ob nun Charles Buckowski, Hunter S. Thomspon oder Ernest Hemingway – Zimmer treibt es in seinem Stück ans Äußerste. Angesichts seiner Schreibblockade verliert sich die Figur Fink in einem Bermudadreieck aus Rausch, Imagination und Verzweiflung. Plötzlich sieht er die literarisch verarbeitete Verschwörung im realen Leben und fragt sich: „Gab es zuerst meine Idee, oder kam die Idee von euch? Oder war beides da?“ Und statt sein eigentliches Werk zu verfassen, entspringt ihm unbewusst ein ganz anderes mit dem Titel Sehnsucht unter Brotfruchtbäumen, was allenfalls beschrieben werden kann als Rosamunde Pilcher auf der Karibikinsel. Sich des plakativen Kitsches bewusst, der seinem neuen Werk innewohnt, verliert Fink endgültig seinen Verstand.

 Wie in einem Sog strauchelt und strampelt Tankred Fink, überragend gespielt von Felix Zimmer, durch den Sturm der selbst erschaffenen Dämonen, um am dröhnend-polternden Ende zu ertrinken. Die Welle, hinter der er eine Verschwörung glaubte, reißt ihn fort. Das Publikum heftete sich emotional an die ausschweifende Mimik und Gestik des Schauspielers und verlor sich in einer Katharsis, wie sie Aristoteles nicht hätte besser demonstrieren können. Zimmer und sein Regisseur Jens Raschke wurden mit tosendem, verdienten Applaus gefeiert.

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Ein Artikel von
Alev Doğan
Volontärin

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