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„Deutschlernen auf Theatrisch“

Kiel: Flüchtlinge machen Theater „Deutschlernen auf Theatrisch“

len Dorn macht mit Flüchtlingen Theater

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Quelle: Wenzel

Kiel. Irgendwann kam in brüchigem Englisch die Frage: „Was ist das eigentlich, Theater?“ Gar nicht so leicht, das europäische Kulturerbe an Menschen aus Afrika oder Nahost zu vermitteln, die monatelang auf der Flucht waren, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen. „Ich habe dann erstmal was von Brad Pitt erzählt und ihnen einfach was vorgespielt“, sagt Ellen Dorn, die seit gut einem Jahr mit jugendlichen Flüchtlingen Theater macht.

 So gelassen war die Schauspielerin nicht sofort. „Ich hatte am Anfang keine Ahnung, wie ich ihnen begegnen soll“, erzählt Ellen Dorn, die derzeit als Fräulein Else und in Schöne Bescherungen auf der Bühne steht. Handgeben ja oder nein? Wem zuerst? Welche Themen darf ich ansprechen? „Irgendwann habe ich mir gesagt: Die Menschen sind jetzt hier bei uns, also mache ich es erstmal wie gewohnt und stehe zu meiner Unsicherheit. Und wenn ich Fehler mache, werden sie mir das sagen.“

 Die Flüchtlinge, die Toten im Mittelmeer – das alles hatte Ellen Dorn schon eine Weile beschäftigt, als sie 2014 zum Film-Spiel-Projekt Hinsehen stieß, das Idun Hübner vom ZBBS (Zentrale Bildungsstelle für Migranten e.V.) mit dem Filmemacher Fredo Wulf initiiert hatte. „Ich habe mich dabei auch mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontieren wollen“, sagt sie. Mit dem Gefühl der Fremdheit, Bildern von muslimischen Machos und weiblicher Unsichtbarkeit. „Ich fand einfach: Wir müssen sie kennenlernen. Und wenn mir Achmed aus Syrien gegenüber sitzt, der acht Tage auf See war, dann geht mir das schon sehr nah.“

 Nach dem Kurzprojekt Hinsehen kam Bühne frei für Flüchtlinge; es gab mehr Zeit, Ellen Dorn arbeitete mit einer Gruppe Eritreer und war erstaunt, wie unkompliziert sich das Gefühl der totalen Fremdheit auflöste: „Da konnte keiner Deutsch, ich kein ,Eritreisch’, aber immerhin einer Englisch. Und trotzdem sieht man sehr bald, wie ähnlich wir uns sind.“ Die Irritation gehört für Ellen Dorn trotzdem dazu: „So ist es nun mal, wir lernen uns schließlich erst kennen.“ Da kann es passieren, dass ihre Schützlinge sie zwei Stunden warten lassen, weil sie mit dem Begriff deutscher Pünktlichkeit nicht vertraut sind. Und die Romeo-und-Julia-Geschichte, die sich die Gruppe ausgedacht hat, gerät ins Stocken, weil die Protagonisten sich scheuen, die romantische Liebe auch körperlich auszudrücken. „Also habe ich einen Papierschmetterling mitgebracht, den der Mann seiner Angebeteten geschenkt hat.“

 Vor allem Männer machen beim Theater mit, aber in der neuen Gruppe, die Ellen Dorn am ZBBS gerade mit Regie-Assistentin Kristin Trosits übernommen hat, sind auch zwei Frauen dabei. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe, deren Mitglieder aus Somalia, Afghanistan, Irak, Syrien und Eritrea kommen. „Das ist unheimlich bereichernd“, sagt Ellen Dorn. „Eine Art Deutschlernen auf Theatrisch“, nennt sie den Kurs, der im Rahmen des Deutschunterrichts für Jugendliche ab 16 angeboten wird. Und wenn die Sprachkenntnisse mal nicht reichen, hilft eine Runde Theatersport: Zip Zoom Boing, Klatschen, auf der Stelle kreiseln, Rhythmus finden, locker machen. „Das wirkt tatsächlich wie ein Ventil!“, sagt die Schauspielerin. „Plötzlich kommt viel mehr von den Schülern, als man zunächst erwartet. Da merke ich schon den Hunger nach Kontakt und die Sehnsucht, sich zu erzählen.“

 Vielleicht ist Theater nicht das allererste, was die Ankömmlinge hier brauchen. Aber es bringt sie in Kontakt, weil es universell funktioniert und über die Sprache hinaus. Und es ist ein Multiplikator, der nach beiden Seiten wirkt: „Projekte wie Bühne frei sind eine tolle Gelegenheit für die Flüchtlinge, wahrgenommen zu werden. Und auf der anderen Seite bekommen wir einen Einblick auch in deren Welt.“

 Bis zum Sommer will Ellen Dorn mit ihrer Gruppe ein Stück erarbeiten. „Was stellt ihr euch hier vor? Was sind eure Wünsche? Wie seht ihr uns? Das sind so Fragen, die wir uns stellen.“ Es geht ums Ankommen und ums Einbeziehen. „Zum Beispiel finde ich es gut, dass wir zwei Frauen sind, die den Kurs leiten – das zeigt, dass das unsere Normalität ist. Das ist auch ein Weg, hier in der Gesellschaft anzukommen.“

 Nach einem Jahr ist vieles selbstverständlicher geworden: „Wir lachen miteinander.“ Dass die Arbeit mit den Flüchtlingen auch räumlich in das Theater hineinwächst, wünscht sich Ellen Dorn. Einen Probenraum am Schauspielhaus hat sie schon in Aussicht. Und sie wird weitermachen, auch wenn das manchmal schwierig ist mit Familie und Beruf. „Man lernt unglaublich viel – auch über sich selbst“, zieht die Schauspielerin Bilanz, „und das finde ich enorm bereichernd.“

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