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Ravels Dämonie, Mozarts Hölle

Festival Chiffren Ravels Dämonie, Mozarts Hölle

Schon immer war klar, dass in Maurice Ravels Klavierstück Scarbo eine Menge Dämonie steckt. Beim Festival Chiffren, den sechsten Kieler Tagen für Neue Musik, wurde dieses schaurig-schöne Potenzial am Sonnabend in der ordentlich besuchten Halle 400 wie unter dem Mikroskop sichtbar gemacht: in der "Inszenierten Nacht" von Simon Steen-Andersen.

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Potenzierter Grusel mit Halleffekten und Lichtprojektionen zur „Inszenierten Nacht“ des Ensembles Ascolta.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Der dänische Komponist verbannt das hochvirtuose Werk aus dem Gaspard de la nuit in seiner wahrhaft musiktheatralischen Performance Inszenierte Nacht von 2012/13 zunächst hinter einer Art akustischen Milchglasscheibe, um dann das bedrohlich Geräuschhafte darin, die Randschwingungen, das Scheppern der Klaviermechanik partiell riesig zu vergrößern und zu vergröbern. Elektronisch generierte Zeitverschiebungen, Halleffekte, Lichtprojektionen tun ein Übriges, um den Grusel zu potenzieren. Und war der Pianist erstmal weg von der Tastatur, während der Flügel ungerührt weiterspielt, hätte man sich tatsächlich nicht gewundert, wenn Ravel den frappierten Hörern höchstpersönlich erschienen wäre, zumal eine französischsprachige Frauenstimme aus dem Off bereits Beschwörungen von E.T.A.Hoffmann und Aloysius Bertrand zu Wort kommen ließ. Dass der Albtraum-Spuk hochironisch mit einem rasselnden Wecker beendet wird, gehört zum augenzwinkernden System eines Werkes, das vom Stuttgarter Ensemble Ascolta mit böser Lust und guter Perfektion serviert wurde.

 Nicht alle Teile der Inszenierten Nacht erreichen allerdings das Scarbo-Niveau. Die in Stimmgabel- und Vibrafon-Gewimmer aufgelöste Träumerei von Robert Schumann wirkte in ihrer Esotherik ein bisschen brav, das Ab- und Versacken von Bachs Kantaten-Arie Schlummert ein, ihr matten Augen in lähmender Langsamkeit und wabernden Tiefbassregionen vermochte hinter dem Witz das mühsam Gemachte nicht zu überdecken.

 Wirklich stark dagegen wirkte die hyperelektronische Transformation von Mozarts Königin der Nacht als Drag Queen in Kraftwerk-Manier. Da kochte der Hölle Rache tatsächlich im Gewand des 21. Jahrhunderts. Und die Musikcomputer rechneten sich ihre Herzen heiß.

www.chiffren.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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