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Die hohe Kunst der Lobhudelei

Kieler Universität Die hohe Kunst der Lobhudelei

Das 350-jährige Jubiläum der Kieler Universität führt nicht nur auf dem Campus zu Festivitäten oder in der Kunsthalle zu einer großartigen Ausstellung mit lauter Werken von CAU-Boys – es schlägt sich auch musikalisch nieder. Universitätsmusikdirektor Bernhard Emmer scheut mit seinen studentischen Ensembles keine notenmaterialtechnischen Mühen, in den Konzerten zum Semesterabschluss historische Bezüge herzustellen.

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Universitätsmusikdirektor Bernhard Emmer wird dem Uni-Jubiläum auch musikalisch gerecht.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Am kommenden Montag und Dienstag spielt das Collegium musicum unter seiner Leitung im Schloss die romantische c-Moll-Symphonie einer seiner Vorgänger: Carl Georg Peter Grädener war im Jahr 1848 Universitätsmusikdirektor. So unbekannt der Name des langjährigen Kieler Nikolaikantors auch heute sein mag, Johannes Brahms schätzte ihn und der berühmte Wagner-Dirigent und Liszt-Schüler Hans von Bülow feierte das Werk sogar in höchsten Tönen. Auch Emmer macht das Proben daran Freude: „Es steckt voller Überraschungen, ist kontrapunktisch gekonnt durchgearbeitet und besticht manches Mal durch ein mutiges Auseinanderlaufen von Melodie und Harmonik sowie die daraus resultierende Lust an der Dissonanz.“ Schon der Einstieg sei mit einem Kontrabasssolo ungewöhnlich; und der „wunderbare“ Tanzsatz herausfordernd „rhythmisch vertrackt“. UMD Emmer kombiniert die Ausgrabung mit einer weiteren Rarität: Der renommierte Londoner Pianist Andreas Boyde spielt im Tschaikowsky-Gedenkjahr dessen Zweites Klavierkonzert G-Dur.

 „Lobhudeleien im positiven Sinne“, nennt Emmer das alternative Raritäten-Projekt der Studentenkantorei. Weitgehend ohne überkorrekten Anspruch in Sachen historischer Aufführungspraxis will man am 12. Juli in der Klosterkirche Bordesholm sowie am 13. Juli am authentischen Ort, der Kieler Nikolaikirche, das barockfestliche Gründungskonzert der Universität aus dem Jahr 1665 möglichst vielfarbig nachsingen und -klingen lassen. In dem Jahr, in dem Vermeer sein grandioses Mädchen mit dem Perlohrenring malte, der alte Heinrich Schütz seine Matthäus-Passion beisteuerte und der junge Dietrich Buxtehude noch an der Marienkirche in Helsingör wirkte, wurde Augustin Pfleger, Hofkapellmeister auf Schloss Gottorf mit staatstragenden Inaugurationsmusiken beauftragt. Hymnisch gefeiert wird in seinen vier lateinischen Oden ganz besonders der Universitätsgründer und neue Herzog Christian Albrecht, aber auch sein Vorgänger Herzog Friedrich III. sowie die Kaiser Ferdinand III. und Leopold I..

 Da die Oden, überliefert in einer in Kiel verwahrten Prachtschrift des Torquatus à Frangipani und einigermaßen mühsam für heutige Musiker und Sänger praktikabel aufbereitet in den vergangenen zwei Jahren, 1665 in einen sechsstündigen (!) Festgottesdienst eingebunden waren, freut sich Emmer, dass er mit einem Veni sancte spiritus und einem Te Deum noch sinnvoll zwei Werke Pflegers als Rahmen präsentieren kann, die er musikalisch mit Anklängen an Schütz und die venezianische Mehrchörigkeit noch reizvoller findet.

 Reizvoll ist auch das: Der renommierte Komponist Gerald Eckert aus Eckernförde schlägt Brücken in unser 21. Jahrhundert, denn sein vom Chiffren-Projekt angeregtes Werk chute de clarté möchte bewusst mit „Übermalungen“ und „Entgegnungen“ auf Pflegers Festmusiken reagieren.

 Konzerte: 6. + 7. Juli, jew. 20 Uhr, Kieler Schloss (Collegium musicum); 12. Juli, 17 Uhr, Klosterkirche Bordesholm; 13. Juli, 20 Uhr, in der Nikolaikirche Kiel.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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