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Von neugierigen Drachen und neuen Welten

Shyan Siow Von neugierigen Drachen und neuen Welten

Axl hat alles, was ein Drache so braucht: Zacken auf dem Rücken, das kleine Geweih auf dem Kopf, den langen Schwanz, der in einem Quast endet. Allerdings sieht auch alles an ihm ein bisschen weicher aus. Runder. Knuffiger. „Ich wollte, dass Kinder ihn mögen“, sagt Shyan Siow, die das Kinderbuch mit dem Fabeltier verfasst hat.

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Mit weichen Buntstiftfarben hat Shyan Siow ihren Wasserdrachen Axl in Szene gesetzt.

Quelle: Michael Kaniecki

Drachen sind in der chinesischen Kultur allgegenwärtig. Die Glücksbringer prangten einst auf den Kleidern des Kaisers, zieren Tempeldächer und flattern als Laterne zum Frühlingsfest. „Ich mag Drachen“, sagt Muthesius-Studentin Shyan Siow, „die können im Wasser Turbulenzen erzeugen oder im Himmel das Wetter beeinflussen. Und sie bedeuten Macht und Stärke.“

 Das passt auch auf Axl, den neugierigen Wasserdrachen, der die Welt allzu gern mal von Land aus betrachten würde. Und weil das mit Schwimmhäuten zwischen den Krallen nicht so einfach ist, schnappt sich der Held ihres Kinderbüchleins einfach den nächstbesten Motorroller...

 Auch die in Kuala Lumpur aufgewachsene Chinesin hat schon das ein oder andere Universum ausprobiert. Von Malaysia ging sie nach China, studierte dort chinesische Literatur und Linguistik. Vor sieben Jahren kam sie nach Kiel, lernte Deutsch, wurde Yoga-Lehrerin und ging an die Muthesius Kunsthochschule. „Gezeichnet habe ich schon immer“, sagt sie, „aber ich will immer meinen Horizont erweitern, Neues ausprobieren. Ich mag die Abwechslung.“ Und sie geht den Dingen gern auf den Grund: „Ich will immer wissen, warum etwas so ist, wie es ist.“

 So finden sich auf der Website der 35-Jährigen neben den fröhlichen Buntstiftzeichnungen zu Axl fährt los, deren Originale nächste Woche in der Jahresausstellung Einblick – Ausblick der Muthesius Kunsthochschule zu sehen sind, auch ein düster-punkiger Comic, verwischte Akte und die poetischen Momentaufnahmen aus der Serie Kieler Straße, die die Künstlerin beim Blick aus dem Fenster festhält. Am Buntstift gefällt ihr, „dass er so pudrig ist. Weich und gleichzeitig hart“, sagt sie. Auch den Kohlestift liebt sie, mit dem sich die Dinge so schön ins Ungefähre verwischen lassen: „Das ergibt so eine Zwischenwelt zwischen real und irreal.“

 Ein, zwei Fensterbilder zeichnet Shyan pro Tag, hält mit Kohlestift die Meise fest, die jeden Morgen um neun im Hof singt. Die flatternde Wäsche oder das Fahrrad im Hinterhof, einen Spaziergänger unterm kahlen Baum. Bilder, an denen sich Geschichten entzünden. „Die Tageszeiten haben ganz unterschiedliche Stimmungen: morgens mild und frisch, mittags ganz hell und abends die Feierabendstimmung“, beschreibt sie die Poesie des Alltags: „Die möchte ich einfangen.“

 Kohle und Sprache spielen auch in ihrem aktuellen Großprojekt mit: Für den Master arbeitet Shyan an einer Graphic Novel. „Eine Liebesgeschichte“, sagt sie. „Ein bisschen wie Richard Linklaters Trilogie Before Sunrise.“ Und dass sie gerade dabei ist, die passende Technik zu finden. Großäugige Manga-Figuren übrigens spielen dabei keine Rolle. Mangas liest Shyan zwar gern – „wegen der Geschichten“; aber sie zu zeichnen, das wäre ihr wohl zu monoton.

 Auch für den Drachen Axl hat sie schon eine neue Geschichte im Kopf. Da geht es um „keine Lust auf Winterschlaf“, Kälte und Stricken lernen. Auch das eine Art der Horizonterweiterung.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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