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Husumer Raritäten-Kosmos

Klaviermusik Husumer Raritäten-Kosmos

Die letzten sechs Konzerte mit Raritäten der Klaviermusik lassen sich am besten tagebuchartig charakterisieren, will man dem Reichtum und der Unterschiedlichkeit ihres Raritäten-Kosmos gerecht werden.

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Martin Jones.

Quelle: Photo Courtesy Nimbus Records

Montag, 24. August 2015

Husum . Der Brite Jonathan Powell ist Pianist, Komponist und Musikwissenschaftler. Und er ist in Husum seit 2004 Raritäten-Stammgast. Seine Konzerte sind für Spieler und Hörer stets besonders schweißtreibend. So ist es auch diesmal bei  Werken aus dem Zeitumfeld des 1. Weltkrieges. Solange man die von Powell gebotenen Kompositionen nur hört, mag man das Gefühl von Anstrengung darauf schieben, dass solche Musik an der Grenze zwischen Spätestromantik und Moderne rhythmisch und harmonisch eben besonders vertrackt sei. Doch beim Blick in die Noten merkt man: Das Schweißtreibende hat vor allem mit Powells Spiel zu tun. Das zeigen insbesondere Percy Graingers Hill-Song I (in der zweihändigen Klavierfassung des Schotten Ronald Stevenson) und Nikolaj Medtners packende a-Moll-Sonate op. 30, die in neoklassischer Hülle postromantisches Dynamit transportiert. Da lebt Powell (leider) seine große Schwäche für massive Lautstärken aus. Die „Leisestärke“, also die Macht der leisen Klänge, ist seine schwache Seite. So werden gerade bei Medtner viele Piano-Momente ignoriert. Und weil alles eh schon laut ist, werden wichtige, wirkungsvolle Kurz- und Langzeit-Steigerungen verschenkt. Konstantin Eiges hübsches Sonata-Poem op. 15 von 1915 und Egon Kornauths ansprechende As-Dur-Sonate op. 4 von 1912, die klingt, als habe Richard Strauss Don Juan und Rosenkavalier im Cocktailschüttler gemixt und dann ins Sonatenglas gegossen, werden etwas differenzierter behandelt. Am delikatesten gelingt die zweite Zugabe: John Whites Kurzsonate Nr. 95, die lächelnd einen Musette-Walzer zerlegt. Hier kennt Powell auch Leisestärken: Man muss halt nurwollen!

Dienstag, 25. August 2015

Es scheint ein Automatismus bei Alex Hassan zu sein, der im Erstberuf Bibliothekar war und nach der Pensionierung seiner Hauptberufung als Pianist populärer Musik zwischen Novelty, Rag, Song und Walzer frönt. Wenn er in Husum spielt, verfolgt einen auf der Rückfahrt als Ohrwurm die typische Ragtime-Begleitung. Das war schon 2007 so. Gut zwei Stunden lang erklingen diesmal Fantasien, Transkriptionen, Arrangements und Bearbeitungen (was liegt am Namen?) aus Filmen und Operetten sowie pianistisch frisierte Songs von Komponisten, die zum Teil wohl gern mit „ernsten“ Werken reüssiert hätten, ehe sie im Bereich unterhaltsamer Musik erfolgreich wurden: Namen wie Korngold, Spoliansky, Kálmán, Rio Gebhardt oder Vernon Duke stehen dafür. All das wird von Hassan ansagetechnisch und mimisch spaßig, unterhaltsam, fingerflink, sprungsicher und eher sportlich als gefühlig präsentiert. Hundert Minuten dieser Musik – davon geschätzte 80% im Zweivierteltakt-Rag-Modus – sind allerdings doch eine etwas einseitige Kost. Und gehört zumindest zu den Rag- und Novelty-Stücken nicht eher ein leicht verstimmtes Instrument als ein wohltemperierter Edelflügel? Wäre für die sentimentaleren und langsameren Piècen nicht ein Pianist denkbar, ja nötig, der mehr Schmelz, ja Schmalz, mehr Klangdelikatesse parat hat als der munter rag-zackige Hassan? (Sehnsüchtig denkt man an den ähnlich bearbeitungsfreudigen Frédéric Meinders, der einst bei seinen Husumer Konzerten mit goldenem Ton und tausendunddrei Schattierungen betörte.) So bleibt der schöne Steinway klanglich auch an diesem Abend unterbeschäftigt.

Mittwoch, 26. August 2015

Ab Mittwoch darf das Instrument dann endlich wieder seine Vielseitigkeit beweisen. Der britische Pianist Martin Jones, 75-jähriger Husum-Debütant, entzückt das Publikum mit rundem Programm und variabel-farbigem Spiel. Am Ende des Abends illuminiert er den Rittersaal dann auch noch mit bunten Tastenzaubereien. Als Czerny-Spezialist (CD-Einspielung der Klaviersonaten) führt er im Grand Capriccio c-Moll op. 172 den „ernst“ komponierenden Carl Czerny vor – mit einem Werk, das Ein- und Mehrsätzigkeit koppelt und darin Schuberts Wandererfantasie leicht ähnelt. In seinen Charakteren mutet es aber auch wie eine Taschenausgabe von Czernys großer siebensätziger 6. Sonate d-Moll op. 124 an. An Verve, Leidenschaft und (im langsamen Teil) Delikatesse bleibt Jones dem Stück nichts schuldig. Für die dreizehn Miniaturen von Federico Mompous Ballet for piano findet er ebenfalls den richtigen Ton, der hier freilich wirken muss wie klingende Düfte. In dieser aphoristischen Musik ist kein Ton zu viel, wie der Pianist fantasievoll klarstellt. Das gilt auch für die a-Moll-Sonatine op. 58 Nr. 2 (1953) des vor den Nazis nach Großbritannien geflohenen Komponisten und Musikforschers Hans Gál. Deren freitonale, neoklassizistisch-sinnlich anmutende konzentrierte Vitalität findet in Jones den besten Anwalt. Ebenso selbstverständlich modelliert er Argentinisches von Carlos Guastavino ( Las Ninas, Tierra linda) und die eindringliche Message à Debussy des Kubaners Joaquín Nin. In der zwischen Schein-Einfachheit und kompakter Virtuosität aufgespannten Klavierbearbeitung von Percy Graingers Suite In a Nutshell öffnet Jones dann die virtuose Zauberkiste, wobei Schwung, Stimmigkeit und Vitalität vor keimfreier Perfektion gehen – völlig zu Recht. Am Ende dieses bisher überzeugendsten Soloabends 2015 gibt es laute Bravos, Standing Ovations und drei zwischen Empfindsamkeit und Hochseil-Virtuosität wechselnde Zugaben (Levitzki, Moszkowski, Mozart/Volodos). Genau so hört sich Husumer Raritäten-Glück an!

Donnerstag, 27. August 2015

Tags darauf setzt es sich auf ganz andere Weise fort: Sollte beim Blick über die Husumer Raritätenjahre hinweg der Titel eines „Mr. Piano“ vergeben werden, wäre Jonathan Plowright – seit 2003 zum fünften Mal im Rittersaal zu Gast – ein starker Favorit. Bei ihm meint man die Seele des Flügels sprechen und singen zu hören: machtvoll, doch nie dröhnend, sensibel ohne Verzärtelung, mit wundervollem Legato ohne Pedalschlieren und mit trocken pointiertem, doch nie hartem Direktklang, wo die Musik es erfordert. Aus dem 1932 veröffentlichten „Bach Book“ englischer Komponisten für die relativ kleinhändige Pianistin Harriet Cohen spielt er eine Auswahl von Bach-Transkriptionen – überwiegend Orgel-Choralvorspiele, die in einen orgelfarbigen Klavierklang ohne weite Griffe verwandelt werden. Schon hier erfreut man sich an einem geradezu körperlichen Klavierklang mit seinen individuellen und doch so sinnvoll ineinander verschränkten Schichten. Wie auch seine CD-Einspielungen zeigen, hat Plowright für Brahms‘ Klaviermusik die rechte Ruhe und Klangfantasie, die poetische Kraft und die nötigen großen Hände. Wie er in den fesselnd frühreifen Vier Balladen op. 10 die symphonische Steigerung der ersten, die lyrische Dämonie der dritten und die philosophisch vertiefte Sanglichkeit der vierten Ballade zum Ausdruck bringt, muss betören. Dass die Hörer nach dem leisen Schlussakkord Sekunden lang schweigend verharren, ehe der Beifall losbricht, ist das schönste Kompliment. In der Klavierfassung von Constant Lamberts attraktiver Ballettsuite Horoscope erweitert sich Plowrights Gestaltungsspektrum bis ins Tänzerische und Theatralische. Auch die Zugaben (Craxton, Fina, Mompou) bekräftigen den Ruf, dass Plowright einer der seriösesten und zugleich fesselndsten Husumer Stammpianisten ist. Dabei erleben wir in Mompous zum Hinschmelzen elegischem Secreto das schönste Piano der bisherigen Raritätenwoche. Da lächelt sogar der Steinway. Und die Hörer schwärmen lautstark und stehend.

Freitag, 28. August 2015

Freitag ist Wundertüten-Tag im HusumerRittersaal: Kurzfristig musste die chinesische Pianistin Xiayin Wang absagen. Doch Raritäten-Intendant Peter Froundjian konnte mit glücklicher Hand den international bekannten Cyprien Katsaris verpflichten – für ein „Programm nach Ansage“. Wie vor einigen Jahren bei seinem Kieler Konzert serviert der Meister die Desserts vorm Hauptgang. Zunächst wärmt er mit einer virtuosen „Spontan-Improvisation über diverse Themen“ – von Verdi und Wagner über Tschaikowsky und Pop bis zu Rachmaninow und Liszt – seine Finger und die Ohren des Publikums mächtig vor. Danach gibt es einen harten Schnitt zu einem Liszt-Block: Der enthält Trauer-Vorspiel und Marsch, ein sprödes, die Grenzen der Tonalität anpeilendes, vom Pianisten mit packend kernig-trockenem Klavierton deklamiertes Spätwerk, danach den von Katsaris virtuos hochfrisierten Csárdás obstiné sowie (als deutsche Erstaufführung) die Transkription einer Arie aus Liszts Jugendoper Don Sanche. Der größte Liszt-Clou ist eine leicht eingedampfte Solofassung des 2. Klavierkonzertes: ein schwindlig machender Virtuositätsparcours mit unglaublich treffsicher aus der Hüfte geschossenen Sprüngen, Läufen und Oktaven – und einem Pianisten, dem die Tastenakrobatik offensichtlich Spaß macht. Den Hörern auch! Nach der Pause geht‘s im Zickzackkurs in die Vergangenheit: Einer klavierunterrichts-tauglichen, von Katsaris allerdings ohrenschmeichelnd flauschig abgetönten Haydn- Sonate (Nr. 35 C-Dur) folgen Schuberts nachgelassenes spätes Es-Dur-Klavierstück D 964 Nr. 2, das der Pianist eher freundlich-naiv als abgründig versteht, und eine hübsche Purcell Mini- Suite. Danach gibt’s als Intermezzo ein Quiz, bei dem zwei kundige Raritätenhörer auch wirklich die Komponisten erraten (Vierne und Nietzsche) und als tastenzirzensische Schlussnummer Wagners Walkürenritt in Brassins und Katsaris‘ Doppelbearbeitung. Heftiger Beifall dankt Katsaris nicht nur für die Rettung des Konzertabends, sondern auch für die kurzweilige Entführung in alte goldene Zeiten von Improvisation, Fantasie und Verblüffung.

Sonnabend, 29. August 2015

Am Ende des letzten Konzertes bleibt die Erinnerung – auch die Erinnerung an gleich zwei Ausstellungen: Die eine galt dem Komponisten, Pianisten, Herausgeber und Lehrer Moritz Moszkowski (dem auch die Sonntagsmatinee am 23. August gewidmet war). Die andere – als „interaktive“ Wanderausstellung konzipiert – präsentiert das Konzept „Raritäten der Klaviermusik“ attraktiv in Bild, Wort und Klang. Vor allem aber muss der Rückblick natürlich das letzte Konzert würdigen, das – wie schon das erste – kammermusikalisch erweitert ist: Drei Klavierquartette französischer Spätromantik werden gespielt vom Pianisten und Raritäten-Leiter Peter Froundjian, zwei Mitgliedern des renommierten Vogler-Quartetts – Frank Reinecke (Violine) und Stefan Feh­landt (Viola) – und dem Cellisten Felix Nickel, der ja zehn Spielzeiten lang die „Kammermusiktage Plön“ leitete. Das Klavierquartett op. 7 von Vincent d’Indy (1878) und das unvollendete Klavierquartett von Guillaume Lekeu (1894) verraten vor allem eines: Wagners gigantischen Einfluss auf französische Komponisten: Da wogt, wagnert, sequenziert und pathetisiert die Musik mit Inbrunst, erkundet tonale Grenzen, lässt die Klavierquartett-Besetzung ins Orchestrale mutieren und findet zwischendurch zu intimen gesanglichen Gegentönen. Ernest Chaussons Klavierquartett op.30 (1897) wirkt plastischer, klanglich insgesamt schlanker, weniger verwagnert und gerade deshalb moderner, ja, wie eine Vorahnung des Neoklassizismus. All das spielen die vier Musiker mit großem Einsatz, mit Sinn für Reichtum und Charakterwechsel. Natürlich ist an Details zu merken, dass dies ein Ad-hoc-Ensemble ist. Da kann in solch komplexen Werken noch nicht (wie beim Konzert des Hyperion Trios) blindes kammermusikalisches Vertrauen herrschen, das aus langjähriger Erfahrung herrührt und schließlich in die Gene der Spieler zu wandern scheint. Starker Beifall dankt für ein inhaltsreiches Konzert – und für die ebenso lust- wie erfahrungsvolle Raritätenwoche. ms

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