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Durchs Kraut und andere Rüben

Kölner Quartett C.A.R. Durchs Kraut und andere Rüben

Das Kölner Quartett C.A.R. begeisterte am Freitagabend im Kulturforum in Kiel mit einer durchdringenden Jazz-Performance. Dabei ging es auch "durch Kraut und andere Rüben".

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Drei Mitglieder vom Kölner Quartett C.A.R. am Freitagabend im Kulturforum in Kiel.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Das Volkslied „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“ soll einst eine der Vorlagen für Bachs „Goldberg-Variationen“ gewesen sein. Und seien wir mal so forsch wie das Kölner Quartett C.A.R., statt der für ihr außergewöhnliches Jazz-Experiment allenthalben geöffneten Vergleichsschubladen Kraut-Rock und Electronica à la der legendären Band Can, keinen Geringeren als Bach als gefühlten Gewährsmann heranzuziehen.

Nicht nur wegen der zuweilen Choral- oder Aria-haft anmutenden Tunes von Christian Lorenzens Tasteninstrumenten (Synthesizer, Wurlitzer, Fender Rhodes) scheint das nicht ferner liegend als oben genannte Schubladen voller überreifter Rüben, auch wenn Leonhard Huhn an seinem meist synthie-effektvoll verfremdeten Saxofon zwischen allerlei Verlärmtem immer wieder zu ganz einfachen, etwa auf einer simplen Quart aufgebauten Loops findet wie in „ASDF“.

Solches ist im Kulturforum die geradezu versöhnliche, weil noch am besten in die ohnehin schon viel geprüften Hörgewohnheiten des Modern Jazz passende Zugabe. Vorher haben uns C.A.R. (neben den schon Genannten: Kenn Hartwig am Neue-Musik-mäßig traktierten Kontrabass und Johannes Klingebiel auf noch am ehesten Jazz-verwandten, allerdings zu hard-rockigen Explosionen neigenden Drums) einiges zugemutet in ihrem Konzert der Reihe „Fantastische Musik“. Letztere ist mutig, forscht immer wieder nach Ausnahmen im Talentzoo und hat mit C.A.R. damit wirklich welche gefunden.

In diesem Konzert ist alles wie Kraut und Rüben, nur vertreibt es einen nicht daraus, sondern zieht magisch strudelnd hinein. Wo andere die alten Äcker des Jazz gelegentlich schon mal umpflügen, scheinen jene bei C.A.R. auf einem anderen Planeten zu liegen. Dort herrschen gänzlich verschiedene Schwerkraft-, Harmonie- und Rhythmusgesetze. Schon im ersten Stück wird das deutlich, wo sich aus einem elektronisch sphärischen Gegrummel bald ein Beat-Ungetüm erhebt, das man ohne Übertreibung als monsterhaft bezeichnen darf. Nicht allein wegen der anschwellenden Lautstärke, vor allem weil hier die Rüben so munter ins Kraut schießen und parallel kontrapunktisch glasklar (womit wir wieder bei Bach wären) entwirrt werden, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zumindest das auf die (vermeintlich) ehernen Regeln des Jazz.

Nur wenige Ähnlichkeiten zeigen die Stücke zu ihren Pendants auf dem Studio-Album „Beyond The Zero“. Denn sie sind in ständiger improvisatorischer Bewegung und werden zwischen all dem krautigen Gewirr dauernd neu erfunden – als Variationen ihrer selbst. Letztere wachsen manchmal in ganz klassischen Beeten wie denen von Blues-Ballade und Swing. Aber Wurzeln darf das Gehör darin nicht schlagen, lieber – und das ist grandios so – im Unkräutigen zwischen all den reifen Rüben, jenseits wie inmitten des „Ground Zero“ des Modern Jazz.

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