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Dreigeteilter Hoffmann

Komische Oper Berlin Dreigeteilter Hoffmann

Jede Inszenierung der „Contes d'Hoffmann“ ist wie eine Wundertüte, weiß man doch nie, wie der Regisseur mit der extrem schwierigen Materialsituation der von Jacques Offenbach unvollendet hinterlassenen Oper umgehen wird.

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Dominik Köninger als Hoffmann 2 (M), Karolina Gumos als La Muse und Dimitry Ivashchenko (in den vier Finsterlingsrollen).

Quelle: dpa

Berlin. Da ist vieles offen, auch und vor allem der Schluss. Bei Barrie Kosky, dem Intendanten und Chefregisseur der Komischen Oper in Berlin, geht Hoffmann an seinen Phantasmagorien, Alpträumen und Urängsten zu Grunde. In übersteigerter Liebe zu Mozarts Musik, speziell zu dessen „Don Giovanni“, steigt er in einen Sarg und singt, wenn dieser bereits zugenagelt ist, mit grotesk verzerrter Stimme „La ci darem la mano“ (Reich mir die Hand) – das ist ebenso erschütternd wie lächerlich, trifft aber genau den Kern dieser Opéra fantastique mit ihrem schwarzen Humor.

 Der Hoffmann, der am Schluss im Sarg landet, ist auch der Hoffmann, den wir am Anfang inmitten unzähliger ausgetrunkener Weinflaschen sehen, mühsam stammelnd. Kosky lässt ihn aus der Kurzgeschichte „Don Juan“ zitieren, also aus einem Text von E. T. A. Hoffmann. Diese ganz dem Alkohol verfallene Figur wird von dem Schauspieler Uwe Schönbeck gesprochen: Das ist mal larmayant, mal tragisch, mal lächerlich, aber immer faszinierend. Natürlich spricht er die Texte im originalen Deutsch, gesungen aber wird französisch. Da Offenbach in den ersten zwei Akten ursprünglich einen Bariton für die Rolle des Hoffmann vorgesehen hatte, griff Kosky diese Idee auf und lässt in seiner Inszenierung anfänglich den Bariton Dominik Köninger und später, im dritten Akt, den Tenor Edgaras Montvidas singen. Diese Dreiteilung der Figur des Hoffmann ist ungemein reizvoll und eröffnet ganz neue Denkansätze über das Verhältnis von Kunst zum Leben.

 Dimitry Ivashchenko verfügt über einen herrlich schwarzen Bass und die nötigen Verstellungskünste für die Rollen der Bösewichter Dapertutto, Andrès und Spalanzani, während Karolina Gumos gleich in vier Partien punkten kann, als Muse, Lindolf, Coppélius und Docteur Miracle. Was für ein Glücksfall, dass die Komische Oper über eine Sängerin wie die Sopranistin Nicole Chevalier verfügt, der man alle drei Frauengestalten anvertrauen kann! Hinreißend, mit welch grotesker Überzeichnung sie dem Automaten Olympia zu kurzem Leben verhilft – das ist ein Kabinettstück schaurig-witzigen Humors! Und dann die engelsgleiche Antonia und die durchtriebene Kurtisane Giulietta: Auch hier wirkt sie, so unterschiedlich die Charaktere auch sind, vollkommen authentisch.

 Stefan Blunier dirigiert das Orchester der Komischen Oper mit jenem Einfühlungsvermögen, das für eine so vielschillernde Oper wie „Hoffmanns Erzählungen“ mit ihren raschen Stimmungswechseln von entscheidender Wichtigkeit ist. Die hervorragend durchchoreographierten Massenszenen reißen mit, haben Pepp und Biss. Sein fein austariertes Dirigat lässt aber trotz aller Tragik und Dramatik immer wieder den „leichten“, den augenzwinkenden Operetten-Offenbach durchblicken. Jubelnder Applaus!

www.komische-oper-berlin.de

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