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Szenen einer Ehe: Entfernte Nähe

Komödianten-Theater Szenen einer Ehe: Entfernte Nähe

Ingmar Bergmans Film "Szenen einer Ehe" (1973) ist längst legendär. Aber auch im Theater Die Komödianten kam das Stück über die Beziehungsarbeiter Marianne und Johan jetzt in der Inszenierung von Christian Lugerth bestens an.

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Beziehungsarbeiter unter Hochdruck: Antje Otterson (Marianne) und Ivan Dentler (Johan)-

Quelle: Foto: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Kiel. Der Abstand könnte weiter nicht sein, wie sie sich da in ihre Ecken drücken, die Rücken einander zugewandt, dem eigenen Spiegelbild näher als der Person am anderen Ende der Bühne: Es ist was faul in der Beziehung von Marianne und Johan, daran lässt Christian Lugerth in seiner Inszenierung von Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe am Komödianten-Theater von der ersten Minute an keinen Zweifel. Sie grübelt, wie sich das unumstößliche sonntägliche Mittagessen bei den Eltern absagen ließe; er fummelt am Handy. Und die Sätze, die so scheinbar unbefangen durch den Raum fliegen, fühlen sich seltsam angestrengt an.

 Antje Otterson, in die man sogleich die junge Liv Ullmann projiziert, und Ivan Dentler spielen diese beiden intellektuellen Beziehungsarbeiter, die Ingmar Bergman 1973 in seinem legendären, aus einer sechsteiligen Fernsehserie entstandenen Film die bröckelnde Ehe durchleuchten lässt. Wortreich und psychologisch kühl. Erst ist man noch stolz, dass man es ohne größeren Eklat durch zehn gemeinsame Jahre geschafft hat, dann landet man bei dem zwischen Kindern, Job und Erwartungsdruck schal gewordenen Sex. Und schon ist Johan auf dem Sprung nach Paris, mit Paula, der jungen Geliebten.

 Alles ist Maskerade in den trocken sezierenden Dialogen, die wie in der Therapiesitzung scheinbar alles offenlegen und unvermittelt zum verbalen Sprengstoff geraten. Antje Otterson und Ivan Dentler sind womöglich ein bisschen zu jung für diese Ehe in der Midlife-Krise mit ihren abgeklärten Sätzen. Aber man kann das auch einfach vergessen, wenn die beiden mit ihren klasse Intellektuellenbrillen in langsam forschenden Sätzen einfach eine von diesen Allerweltspaargeschichten erkunden, in denen gerade das Banale zum zeitlosen Spiegel wird.

 So gleiten sie durch radikale Stimmungswechsel, bügeln mit sanftkühlen Worten über Risse und Brüche hinweg, bleiben im stockenden Gespräch hängen und ringen um den Erhalt der eingeübten Konventionen. Sie ein sanft staunendes Wesen, das nach der Trennung zur Macherin mutiert. Er ein selbstgewisser Komm-zu-Papa-Typ, dem der Verlust mit Verzögerung unheimlich wird. Die Wut kommt erst später, da ist man schon lang nicht mehr zusammen und kommt trotzdem nicht voneinander los.

 Zwischen sämtlichen Gefühlslagen lässt Regisseur Lugerth seine Akteure durch den leeren Raum (Bühne: Bruno Giurini) trudeln – aufeinander zu und voneinander weg, eine entfernte Nähe, die sich in den Paarfotos auf dem in farbiges Licht gerahmten Bildschirm festgebissen hat und im zweiten Teil in einer etwas fremd-schrägen Beischlafszene gipfelt. Ein Hauch von Sex, aber mit Vergnügen. Man spürt in dieser geradlinigen Inszenierung den Respekt, mit dem der Regisseur an das Stück des großen Schweden herangegangen ist. Und auch, wie die Zeit über manche Sätze und vor allem das manierlich-biedere Frauenbild hinweggegangen ist. Dabei hätte es ruhig ein bisschen weniger brav und dafür Woody-Allen-leichter zugehen können.

 Beim Wiedersehen nach zwei Jahren hat Marianne von dezentem Grauschwarz ins rote Kleid gewechselt, neues Selbstbewusstsein und die Scheidungspapiere mitgebracht. Und im Geplänkel um die Frage „Unterschreiben oder nicht“ ist das Ehe-Dilemma wieder ganz und gar zeitlos.

 

 Theater Die Komödianten. Bis 30. Januar, Fr + Sbd, 20 Uhr. 4. Februar – 19. März, Do-Sbd, 20 Uhr. Kartentel. 0431/553401, http://www.komoediantentheater.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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