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Natalia Mateo: Experimente und Elegien

Konzert in Kiel Natalia Mateo: Experimente und Elegien

Gerade wurde Natalia Mateo für zwei Jazz-Echos nominiert. Den großen Vorschusslorbeeren wurde die in Polen geborenen Jazz-Sängerin bei ihrem Konzert im Kultur-Forum jedoch nur bedingt gerecht. 

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Auch für erfahrene Ohren kann Mateos den Abend eröffnende Coverversion des Rockwell-Hits Somebody’s Watching Me strapazierend wirken.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. In den vergangenen Tagen sah einem Natalia Mateo von vielen Litfaßsäulen entgegen: eine junge Frau mit blassem Gesicht und erstem Blick. Das Porträt lockt am Freitag eine überschaubare Zuhörerzahl ins Kultur-Forum, in das die in Österreich aufgewachsene und in Deutschland lebende Polin im Rahmen der Reihe „Fantastische Musik“ gekommen ist. Zwar wurde die beim großen Label Act unter Vertrag stehende Sängerin gerade für zwei Jazz-Echos nominiert. Doch dürfte ihr fordernder Zugang zum Genre Gelegenheitshörer trotzdem auf Distanz halten.

Auch für erfahrene Ohren kann Mateos den Abend eröffnende Coverversion des Rockwell-Hits Somebody’s Watching Me strapazierend wirken. Dass sich ihre Stimme oft an der Grenze zur Performance bewegt, ist dafür ebenso wenig der Grund wie das an Fred Frith erinnernde Gitarren-Gegniedel von Dany Ahmad. Vielmehr lässt der Gesamteindruck, hier einem Proseminar zum Thema Avantgarde-Jazz zuzuhören, die Sache so mühselig wirken. Das gilt im weiteren Verlauf des Konzerts auch für andere große Kaliber wie Leonard Cohens Hallelujah oder Lady Gagas Paparazzi, die auf ähnliche Weise klanglich fragmentiert werden, ohne dass Mateo und ihre Mitmusiker dabei nennenswerten musikalischen Mehrwert generieren könnten. Ganz zu schweigen von dem Rilke-Gedicht Du musst das Leben nicht verstehen, das Mateo als musikalisches Selbstgespräch inszeniert. „Was soll der Lärm?“, fragt man sich und empfiehlt der Sängerin im Stillen eine Nachhilfestunde bei Johanna Borchert, die den Brückenschlag zwischen Experimental-Gesang, Goth-Pop und Jazz-Vibe mühelos meistert.

Natalia Mateos Stärken liegen derzeit noch woanders. Denn wenn die 1983 in Warschau geborene Sängerin sich der Volksmusik ihres Heimatlandes nähert, wirkt sie auf einmal ganz bei sich und verwandelt die traditionelle slawische Musik souverän in moderne Elegien. Hier kann auch die Band ihre vollen Qualitäten ausspielen, präsentieren sich Pianist Simon Grote, Bassist Christopher Bolte und Drummer Fabian Ristau als zeitgenössisches Jazz-Trio, zu dessen angenehm flexiblen Sound Gitarrist Ahmad vielfältig schillernde Klangfarben beiträgt. Mitunter gehen die Songs ineinander über, mitunter gibt es Pausen, in denen nie so ganz klar ist, ob der Applaus willkommen ist oder die hohen Künste eher stört. Mateos mal coole, dann wieder unbeholfene Ansagen helfen da nicht weiter. Doch im Verlauf des knapp anderthalbstündigen Konzerts gibt es neben nicht ganz ausgereiften Experimenten auch viele intensive Momente zu erleben, die den Beifall allemal wert sind.

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