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Geeinte Generationen bei Deichkind

Konzert in Kiel Geeinte Generationen bei Deichkind

Fast ausverkauft ist die Sparkassen-Arena zum Start des zweiten Teils von Deichkinds "Niveau-Weshalb-Warum"-Tour am Freitagabend in Kiel. Die Band überzeugt mit einer durchgestylten Show mit ästhetischen Kulissen.

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Die Band überzeugt mit einer durchgestylten Show mit ästhetischen Kulissen.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Deichkind in Kiel, auch ein Konzert für die ganze Familie. Oben im dritten Rang hat Papa den rotgestreifen Hoodie gewählt, dazu die Beanie, und auch wenn der Kapuzenpulli später wärmebedingt fallen muss, bleibt die coole Mütze natürlich bis zum Schluss auf dem Schädel. Aber so rumspacken vorm Konzert, so mit dem erhobenen Smartphone rumhampeln und Grimassen schneiden, das soll der Erziehungsberichtigte bitte unterlassen. Da zupft der etwa Elf- oder Zwölfjährige peinlich berührt am Hoodie-Saum und raunt tadelnd ein paar Mal: "Papaaa!"

Fast ausverkauft ist die Sparkassen-Arena zum Start des zweiten Teils von Deichkinds "Niveau-Weshalb-Warum"-Tour. Während sich die Halle raunend füllt, laufen auf einer riesigen Leinwand Musik-Clips aus dem Hip-Hop-, Techno- und Elektro-Genre, darunter auch verstörende, für Kinder definitiv ungeeignete. Als letzter aber einer, der über jenen Zweifel erhaben ist: ein junger, androgyner, grell geschminkter David Bowie singt "Life On Mars" - Verbeugung vor einem großen Künstler. Noch ein minutenlanger Trailer, der mit einem Flug durchs All beginnt und im Mikrokosmos Deichkind inklusive Backstage-Impressionen und Videos aus den Frühtagen der Hamburger Hip-Hop-Electro-Formation endet, dann kann endlich die Show beginnen.

Hier finden Sie Fotos vom Deichkind-Konzert in Kiel.

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Programmatisch mit "So 'ne Musik" starten Deichkind in ihr Set. "Verkauf das letzte Hemd für die Karten vom Konzert / alle woll'n den Abriss / gefedert und geteert / wie haben euch vermissst / es ist viel zu lange her / die Show kann jetzt beginnen / und alle nur so: Yeah!"", rappt Kryptik Joe, sekundiert von Porky, Ferris MC und klaftertiefen Bässen. Im dritten Rang steht der Papa schon und zuckt zum Beat, der Sohn bleibt zunächst sitzen. "Kiel, ihr seid unsere Feuertaufe!", ruft Kryptik Joe. "Kann ich euch mal hören?" Kann er. Tausende schreien, johlen, pfeifen. Bei Deichkind sind die Dimensionen längst enorm, "Denken Sie groß" heißt folgerichtig der zweite Song, das signalisieren auch die überdimensionalen Gehirn-Attrappen auf ihren Häuptern. Party, klar, aber bitte auch den Brägen einschalten, denn an Gesellschaftskritik steckt so einiges in den Texten. Auch plattes. Vereint in Zeilen wie "ein Hoch auf die internationale Getränkequalität". Dialetik nach Deichkind.

Längst sind die frühen trashigen Bühnenorgien einer durchgestylten Show mit ästhetischen Kulissen - als zenrale Elemente hohe, bewegliche geometrische Körper -  und einer ausgefeilten Choreographie gewichen. Kann man als stylish und clean bejammern, kann man auch als kunstvoll genießen. Doch ohne das Bachantische, Dyonisische ist ein Deichkind-Konzert eh nicht denkbar. Das riesige Fass ("Roll das Fass rein"), in und auf dem sich Deichkind in Overalls mit "Refugees-Welcome"-Aufdruck durch die Menge schieben lassen, darf nicht fehlen. Auch nicht das Schlauchboot fürs ausgiebige Crowdsurfing zu "Hovercraft" (Kryptik Joe: "So, liebe Kielers, ihr kennt euch ja aus mit den Gezeiten, wie sind ja nicht in München, also: alle Hände hoch!") oder das große Planschbecken, aus dem Wolken von Daunen in die Menge schneien, zur fulminanten Zugabe "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)". Händeweise Süßes werfen Deichkind karnevalesk zu "Naschfuchs" von der Bühne, "Hauptsache, nichts mit Menschen" wird illustiert durch einen gespielt soziophobischen Ferris, der im ABC-Schutzanzug durch die Massen geleitet wird.

"Bück dich hoch", "Leider geil", "Like mich am Arsch", "Bon Voyage", auch "Arbeit nervt" und der Ferris-Import "Reimemonster" mit ihren abgrundtiefen Bässen, die den Boden beben und die Härchen auf den Unterarmen zittern lassen - die Songs reihen sich meist nonstop. Ein auch textlich schwacher, dennoch gefeierter ist das schlagerhafte "Luftbahn", der auch in leicht modifizierter Form ohne Skrupel von Helene Fischer interpretiert werden könnte. Nicht nur hier sollen die Fans mit den Fingern "das Zeichen" formen und hochhalten, das unter anderem auch als Kopfbedeckung in der Bühnenshow als Tetraeder elementare Dreieck. Im dritten Rang machen das einträchtig beide, der Papa und der Sohn. Wenigstens verhält sich Mama unauffällig.

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