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Heinz Rudolf Kunze behielt die Nerven

Konzert in Neunmünster Heinz Rudolf Kunze behielt die Nerven

„Es ist ein Wahnsinn, sich so früh schon zu erinnern“, singt Heinz Rudolf Kunze zur Zugabe im ausverkauften Alten Stahlwerk. Das Gros der Zuschauer dürfte diese Zeile bereits 1981 zum ersten Mal gehört haben, als sein Debütalbum Reine Nervensache erschien.

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„Es ist ein Wahnsinn, sich so früh schon zu erinnern“, singt Heinz Rudolf Kunze zur Zugabe im ausverkauften Alten Stahlwerk.

Quelle: Manuel Weber

Neumünster. Der Song Bestandsaufnahme war einer von Kunzes ersten Hits. Und die bitter-melancholische Zwischenbilanz machte damals tatsächlich vor allem deswegen Eindruck, weil sie aus dem Mund eines Mittzwanzigers stammte.

Heute ist Heinz Rudolf Kunze 59 Jahre alt und es bleibt ihm gewissermaßen gar nicht anderes übrig, als sich zu erinnern. Er ist das erste Mal in seiner Karriere allein auf Tour und überbrückt damit wohl auch ein bisschen die Zeit bis zum Jubiläumsjahr 2016, in dem er seinen 60. Geburtstag mit seinem neuen Album Deutschland feiern will. Im Stahlwerk dagegen dominiert die Bestandsaufnahme der zurückliegenden Karrierejahre: Zu Beginn seines Konzerts öffnet er den Ringbuchordner auf dem Notenständer, in dem sich das Programm des Abends fein säuberlich in Klarsichthüllen aufgeteilt findet. Ein bisschen pedantisch war der Deutschrocker ja schon immer, der an diesem Abend solo an der akustischen Gitarre allerdings nicht rockt, sondern den Liedermacher gibt, als der er vor 35 Jahren ja auch angefangen hatte.

Im Kleinformat fällt zunächst einmal auf, wie gut sich seine Stimme über die Jahrzehnte gehalten hat. Frühe Erfolge wie Balkonfrühstück klingen hier fast frisch wie in der Originalversion, auch den sängerisch tückischen Refrain von Leg nicht auf bewältigt er mit Bravour. Es fällt dabei aber auch mehr als im Bandkontext auf, dass Kunze am Mikrofon vor allem zwei Modi beherrscht: den des lakonischen Sprechsingers und den des hymnischen Barden. Sie korrespondieren mit den beiden zentralen Strickmustern seiner Songs, die sich vor allem in gesellschaftskritische Erzählungen und kultivierte Balladen unterteilen lassen – hier von jeweils simpel angelegten Gitarrenloops begleitet. Die Eintönigkeit, die dabei nach einiger Zeit aufkommt, durchbricht Kunze, indem er für Aller Herren Länder die Straßenmusiker-Mundharmonika anlegt und den Song mit einer Bob-Dylan-Einlage krönt, zu der das Publikum zögerlich mitklatscht.

Kunzes Befürchtung, mit dem Mundharmonikahalter am Hals wie ein „optischer Idiot“ auszusehen, bewahrheitet sich dabei nicht. Als er wenig später allerdings allein an den Keyboards sitzt, erinnert er an einen dieser buchbaren Alleinunterhalter für Feiern aller Art. In diesem Fall wäre es wohl ein Veteranentreff und bei Goodies wie Meine eigenen Wege singt hier mancher Gast still, aber inbrünstig alle Strophen mit. Kunzes zwischen den Songs verlesene Gebrauchslyrik gehört bei alledem ebenso selbstverständlich zur Dramaturgie wie seine Spitzen gegen den Zeitgeist. Nach zweieinhalb Stunden ist der Sänger mit seinen Klarsichthüllen am Ende und verliest zum Finale ein Gedicht, das die Ups und Downs seiner Karriere thematisiert. Er scheint heute mit ihnen leben zu können. Reine Nervensache.

Am 28. Dezember spielt Heinz Rudolf Kunze in der Eckernförder Stadthalle.

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