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Rocken auf Teufel komm raus

Reverend Shine im Kulturforum Rocken auf Teufel komm raus

Reverend Shine Snake Oil Co. begeisterten im Kulturforum mit einem atemlosen Powerplay. Die Songs der dänisch-amerikanischen Band erinnern an zwielichtige Fabeln oder Dramen und kommen vor allem Dank Sänger Claudius Pratt kraftvoll daher.

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 Reverend Shine Snake begeisterten im Kieler Kulturforum.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Wem das Pulverfass mit der geheimnisvollen Aufschrift Reverend Shine Snake Oil Co. vor gut einem Jahr in Kiel schon einmal um die Ohren geflogen ist, der dürfte seine Erwartungshaltung für einem erneuten Auftritt des furiosen Quartetts getrost nach oben geschraubt haben. Und das zu Recht. Denn die dänisch-amerikanische Formation ließ im sehr gut besuchten Kulturforum ihrem Hufen scharrenden Sound-Bastard aus Afro-Punk, archaischem Blues, energischem Gospel und Rock mit gepfeffertem Hip-Hop Klecksen wieder ordentlich die Zügel schießen.  

Vor einem knappen Jahrzehnt verließen Sänger Claudius Pratt und der Gitarrist Justin Moses Gunn New York und wanderten nach Kopenhagen aus. Eine eher ungewöhnliche Reiseroute, wenn man Musik afro-amerikanischer Prägung im Schilde führt. In der dänischen Hauptstadt trafen sie dann allerdings auf Martin Ollivierre (Standbass) und Matthias Klein (Schlagzeug). Diese Brüder im Geiste bespielten fortan als „Reverends“ landauf landab alles, was auch nur im Entferntesten einer Bühne glich. Sie fühlen sich angetrieben – wenn auch mit einer klaren ironischen Brechung – von einer Art musikalischem Sendungsbewusstsein. Ihre Songs sind Großstadt-Mythen, Mini-Dramen oder zwielichtige Fabeln, in denen es häufig um die Schattenseiten menschlicher Existenz, aber immer auch um Liebe, Erlösung und Läuterung geht. Selber bezeichnet sich die Band als „Flea Circus of Magicians, Court Jesters, Musicians and Story-Tellers.“ Ihre Einflüsse sind, „ the good Lord, wine, whiskey and women...“ Klingt super, ist auch so, und zeitigt vor allem live eine fast körperliche Wirkung.    

Nach ihrem Debüt-Album „Anti Solipsism pt. 1, Creatures“ präsentierte die Combo nun den frisch gepressten, nicht weniger rätselhaft betitelten Nachfolger „Anti Solipsism pt. 2, Totems and Familiars“. Nach dem zweistündigen, pausen- wie atemloses Powerplay auf der Bühne lässt sich sagen, dass die „Reverends“ mit den neuen Songs stilistisch bei ihren Leisten bleiben. Vielleicht ist die Arbeit des großartigen Schlagzeugers Klein an den Fellen noch ein wenig elaborierter an dem einen Ende des Spektrums und noch ein wenig vehementer am anderen. Aber das sind Nuancen. Was mit Sicherheit gänzlich unverändert bleibt, ist die biblische Wucht, mit der Chef-Prediger Pratt zu Werke geht. Die feine Diktion ist seine Sache nicht. Als meinte er die ganzen Welt, prügelt der Sänger die Zeilen mit einer markerschütternden Urgewalt aus sich heraus. Aber damit bleibt auch das Problem, dass man die mal mahnende, mal drohende, mal frohe Botschaft nicht wirklich vernimmt, weil man sie einfach nicht versteht. Der Weg ist bei diesen Reverends das Ziel. Und dieser Weg heißt, rocken auf Teufel komm raus. 

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