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Am Rande des Wirklichen

Krimidebüt Am Rande des Wirklichen

Der Film läuft immer schon vorher in ihrem Kopf ab; Bilder von düsteren Landschaften und eigenwilligen Menschen wie Leonie, die in Aschenkind, dem Krimidebüt von Sofie Rathjens, als Lehrerin an einer Dorfschule im norddeutschen Irgendwo landet – und bald auch in einer Serie rätselhafter Mordfälle.

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Nominiert für einen Glauser-Preis: Sofie Rathjens.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Notizen macht sich die Autorin vorab nur wenig, lieber folgt sie am Computer den inneren Bildern: „Ich fabuliere dann gern.“

 Sie schreibt, seit sie zwölf ist, aber eigentlich hatte die Kielerin in Potsdam Film studieren wollen. Eine Rückenerkrankung machte ihr einen Strich durch die Rechnung. „Als ich im November 2014 nach Hause kam, nach Niendorf bei Hohenweststedt und dieses leere Land sah, hatte ich sofort eine Idee im Kopf.“ Aus der entstand am Stehpult innerhalb von sechs Wochen die Geschichte einer jungen Frau, die auf dem Dorf ihre Scheidung verdaut, und eines Mörders, der seine Gefühle sucht und mehr mit Leonie gemein hat, als ihr lieb ist.

 „Vielleicht macht der Gedanke, nie zu wissen, was Liebe ist, einem Menschen mehr Angst als der Verlust der Sinne“, hat Sofie Rathjens einmal auf Facebook geschrieben; und das klingt wie die Essenz des Buches, in dem Mädchen in prekären Umständen leben müssen und noch sinnloser sterben. Anlass für die Ich-Erzählerin, über die Liebe nachzudenken und darüber, was sie für den Mörder bedeutet.

 „Auch von mir steckt ein Stück in Leonie“, sagt Sofie Rathjens, „vor allem aber war sie wie eine große Schwester, die ich nie hatte. “ Und auch die Gegend, die die 28-Jährige hier beschreibt wie entrückt, am Rande des Wirklichen, kennt sie gut. Ganz bewusst hält sie ihre Beschreibung im Diffusen: „Ich wollte nicht, dass das Buch in der Abteilung Küstenkrimis landet. Jeder soll seine eigene Wirklichkeit darin wiedererkennen.“

 Selber liest Sofie Rathjens übrigens gar nicht so gerne Krimis. Überraschenderweise fällt ihr da eher Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller als Lieblingslektüre ein: „Ihre Bücher entstehen unmittelbar aus der Realität. Und die Wahrheit, die darin steckt, ist viel grausamer als Morde, die man sich ausdenken kann.“ Rathjens hat ein Faible für die dunklen Seiten der Seele und verquere Persönlichkeiten wie der leicht überforderte Polizist Wahnfried, der mit Leonie ermittelt und anbändelt, oder das ungleiche, zusehends verstrickte Brüderpaar am Rande des Dorfes.

 Dass sich die Nachtschreiberin („Morgens könnte ich das nicht; ich brauche die nächtliche Atmosphäre“) zur Inspiration in kriminalpsychologische Bücher vertieft und zur Entspannung auf Youtube ungelöste Mordfälle guckt („Das beruhigt mich“), findet man dann schon fast selbstverständlich.

 Das Mystery-Moment, sagt die Autorin, sei eine Idee ihrer Agentin gewesen. Dazu passen die knapp abgerissenen Sätze, die vorbeiziehen wie Nebel und in denen die Realität auf der Kippe steht. Dass Rathjens dafür nun unter den Nominierten für den Glauser-Preis als bestes Debüt gelandet ist, erstaunt sie noch: „Meine Agentin hat mehr daran geglaubt als ich ...“ Trotzdem schreibt sie bereits am nächsten Krimi: „Ich bin da wohl auf einer Sprachreise, die noch nicht zu Ende ist.“

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