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Verdis ungezogener Hunnenkönig

Theater Lübeck: "Attila" Verdis ungezogener Hunnenkönig

Im Kindergarten ist schon alles angelegt. Da plustert sich der Anführer auf, piesackt ihn der eifersüchtige Konkurrent, funken die Mädels mit süßem Schnurren und scharfen Krallen dazwischen. Kultregisseur Peter Konwitschny, schon eine lebende Legende maximal zugespitzen und präzisen Musiktheaters, hat seine Wiener Inszenierung von Giuseppe Verdis „Dramma lirico“ Attila nun auch am Theater Lübeck genialisch auf den Punkt gebracht.

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Musikstudenten aus aller Welt spielen Musik aus der Heimat

Kindische Polonaise: Attila (Ernesto Morillo) auf dem Bollerwagen mit Muttis Kochlöffel.

Quelle: Jochen Quast

Lübeck. Wie da das Säbelrasseln, die Racheintrigen und der ganze weitere Machtwahnsinn als infantile Verirrung aufgespießt wird, ist ein großes, weil tiefsinniges Vergnügen. Das genau getimte Gefuchtel mit Klobürsten und Kochlöffeln, die Helme aus Küchensieb und Safttrichter führen die Geschichte um den bis nach Italien vorgedrungenen, das heilige Rom jedoch abergläubisch verschonende Hunnenkönig köstlich ad absurdum. Denn etwas lernen wir: Werden die kindischen Akteure in Business-Anzügen uniform domestiziert und somit scheinbar erwachsen, werden sie erst richtig gefährlich. Und mit einem Mal erkennt man deutlich, was man längst in der Rarität hätte hören können: Verdis bissige Ironie.

 Johannes Leiackers zirzensische Halbrundbühne liefert dazu eine Mischung aus zerschossener Kriegsruine und Hüpfburg. Die fatale geschichtliche Unbelehrbahrkeit der kleinen wie der großen Menschenkinder visualisiert Konwitschny darin, indem er die Recken und Liebenden zum Schluss noch im Altersheim weiterrangeln lässt. Auch im Corps de ballet von Rollstuhl und Rollator bleibt unter den ergrauten Greisen nämlich die Vernunft ein Fremdwort.

 Ryusuke Numajiri, als Generalmusikdirektor an der Trave nicht unumstritten, dirigiert dazu einen enorm scharf geschnittenen frühen Verdi, der bestens zum angriffslustigen Kindergeburtstag auf der Bühne passt. Das Philharmonische Orchester knattert und scheppert bisweilen wie eine italienische Banda, kann dann aber auch betörend Stimmungen malen – und sehr fein Sänger begleiten.

 Und das lohnt sich, denn die australische Sopranistin Helena Dix gibt nicht nur szenisch eine pummelig-verwöhnt fordernde Göre, sie brennt auch stimmlich ein jugendlich-dramatisches Feuerwerk ab. Zwischen gleißender Angriffsattacke und innig einsamen Dialog mit der Natur und Gott changiert ihre Partie enorm reizvoll. In Ernesto Morillo hat sie einen imposant voluminös aufgeplusterten Attila und in Alexander James Edwards einen Verlobten mit Tenorschmelz und -kraft. Gerard Quinn liefert in gewohnt mächtiger und stilvoller Weise als römischer Feldherr den Bariton-Spielverderber Ezio. Auch der Chor (einstudiert von Jan-Michael Krüger und Gudrun Schröder) singschauspielert, von Konwitschny detailliert animiert, auf höchstem Niveau.

Fazit: Ein musikalisch packendes, szenisch herrlich doppeldeutiges Verdi-Vergnügen mit einer Tragik, die als Comic und mit viel Komik maskiert ist. Und ein sicheres Zeichen, dass Hanseaten weniger verbohrt sind als Wiener: An der schönen blauen Donau hatte es 2013 um die Regie einen wilden Premierenskandal mit viel Gegenwehr und unflätigen Zwischenrufen gegeben – in Lübeck herrscht zu Recht pure Begeisterung.

 Theater Lübeck. Termine am 26. Mai, 18. Juni und 3. Juli. Wiederaufnahme in der kommenden Saison. Karten: 0451 / 399 600. www.theater-luebeck.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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