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Brad Mehldau heftig umjubelt

Kunstflecken Brad Mehldau heftig umjubelt

„Ok, what did I just play?“ Als sich Jazz-Piano-Superstar Brad Mehldau in der ausverkauften Werkhalle am Auftaktwochenendes des Kultur-Festivals „Kunstflecken“nach einer runden Stunde vom Klavier löst und sich (selbst) fragend an das im Applaus nur ungern nachlassende Publikum wendet, kommt nicht allzu viel zusammen: Pinball Wizard von The Who, Neil Youngs Don’t Let It Bring You Down und ’Til I Die von den Beach Boys.

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Brad Mehldau geht die Lieder mit großer Liebe an, heiligt die Melodien und versteckt sie nicht hinter elitärem Musikerdünkel oder eitler Fingerfertigkeit.

Quelle: Axel Nickolaus (Archivbild)

Neumünster. Der New Yorker Ausnahme-Jazz-Pianist leidet keinesfalls an Vergesslichkeit. Sein außergewöhnliches Spiel ist seit dem Karrierestart Mitte der 90er Jahre geprägt von einem enormen Improvisationswillen. Lieder sind als melodiöse und rhythmische Informations- und Stimmungsträger stets nur Ausgangspunkte für eine eigene musikalische  und emotionale Auseinandersetzung. Eine angenehm ambivalente Auseinandersetzung, in der Innerlichkeit und Expressivität sowie entgrenzter Überschwang und formale Strenge eine spannungsvolle Symbiose eingehen.

Es scheint, als würde der Formalist Brad Mehldau den Improvisator Brad Mehldau simultan analysieren und dessen Spontanität umgehend in erzählerisch klare Bahnen lenken, die alle manierierten Abschweifungen unterbinden, ohne der Fabulierlust dabei auch nur ein Haar zu krümmen. Dafür taucht Mehldau tief ein in die Songs und seine eigene Befindlichkeit, benötigt dafür eine fast physische wahrnehmbare Ruhe, die weder Fotoaufnahmen noch eine Pause stören soll und die mehr aus der Meditation, denn aus der Konzentration zu kommen scheint. Nur so sind atemberaubende Einlassungen wie die in ’ Til I Die möglich, in der 30 zeitlose Minuten lang vom romantischen Moll aus ein wolkenverhangener Himmel aufgerissen wird, das ganze Lieben, Leben und Leiden eines Tages freilegt, bis sich der Himmel wieder schließt und das Licht verschwindet.

Nicht immer ist klar, ob Brad Mehldau noch bei den Beach Boys weilt oder nicht gerade doch Brahms, Bach, Thelonious Monk oder irgendeinen verwehten Jazz-Standard durchmendelt. Brad Mehldau ist voll von Musik und seine Musik voll von Zitaten und Verweisen. Es ist ein Glück, dass Mehldau jedes Verständnis für Genregrenzen zu fehlen scheint. Alles fließt ineinander, ist in ständiger Bewegung, verschiebt sich, löst sich auf, verdichtet und entflechtet sich. Den vielen, in der Komplexität immer wohl artikulierten, dauerrollenden Töne der begnadeten rechten Hand setzt Mehldau eine linke Hand entgegen, die eigentlich über die gleichen Qualitäten verfügt und so nicht rhythmische Figuren, sondern auch komplexe Melodien entwirft. Sie kann dissonant attackieren, melancholisch unterfüttern, groovend erweitern und harmonisch führen und stärken.

Mehldau geht die Lieder mit großer Liebe an, heiligt die Melodien und versteckt sie nicht hinter elitärem Musikerdünkel oder eitler Fingerfertigkeit. Er ist ganz bei der Musik, lässt sich ein und kommt so zu ganz eigenen, neuen Nuancierungen: Die Saudade beispielsweise, die er beispielsweise der Beatles-Improvisation And I Love Her beibringt, zerreißt einem förmlich das Herz.

Als dieses fantastische Konzert nach zwei zeitlosen Stunden zu Ende geht, hat es Brad Mehldau (inklusive dreier Zugaben) auf sieben Titel geschafft. Sieben Titel, die sich anfühlten wie ein endloser Streifzug durch die halbe Musikgeschichte zwischen U und E. Ein musikalisches Plädoyer für die Liebe zur Musik und die Überwindung von Grenzen. Eine Botschaft, die in diesen Zeiten gar nicht weit genug getragen werden kann.

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